Dr. Bruns: Iran-Krise, Ölpreis-Schock und KI-Mythen – was jetzt wirklich an den Börsen zählt

In der aktuellen Podcastfolge analysiert Dr. Christoph Bruns, Fondsmanager bei LOYS, die jüngsten Entwicklungen an den internationalen Kapitalmärkten und ordnet die Auswirkungen der aktuellen geopolitischen Spannungen ein. Im Mittelpunkt steht die eskalierende Krise im Nahen Osten und deren potenzielle Folgen für Energiepreise, Inflation und globale Lieferketten. Dr. Bruns erläutert, welche typischen Muster Kapitalmärkte in Krisenzeiten zeigen – von Kapitalflüssen in den US-Dollar über relative Schwächen europäischer Aktien bis hin zu Bewegungen im Anleihemarkt. Darüber hinaus geht es um die möglichen wirtschaftlichen Konsequenzen steigender Ölpreise und die Bedeutung von Energie als zentralem Produktionsfaktor für das globale Wachstum. Gleichzeitig ordnet Dr. Bruns die aktuellen Entwicklungen an den Aktienmärkten ein und erklärt, warum Krisen für langfristig orientierte Investoren auch Chancen eröffnen können. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der aktuellen Berichtssaison: Welche Sektoren überraschen positiv, wo zeigen sich strukturelle Schwächen – und warum gerade im Technologiesektor differenziert werden muss. Besonders im Fokus steht dabei die Diskussion um künstliche Intelligenz und Softwareunternehmen sowie die Frage, warum nicht jede Softwareaktie automatisch zu den vermeintlichen „KI-Verlierern“ gehört.

Podcast-Transkript

Tom Roth: Herzlich willkommen zu einer weiteren Folge unseres Podcasts. Mit mir zugeschaltet aus Chicago ist wie jeden Monat Dr. Bruns. Herzlich willkommen.

Dr. Bruns: Vielen Dank, Herr Roth.

Tom Roth: Wir wollen ja heute wieder mal einen Marktüberblick geben. Und aktuell befinden wir uns ja in einem, würde ich mal behaupten, unsicheren Marktumfeld, weil seit letztem Wochenende ist der Konflikt mit dem Iran aufgekocht, was natürlich auch eine Unsicherheit an den Märkten hervorbringt. Da würde mich mal interessieren: Wie ist denn Ihre Wahrnehmung aktuell aus Chicago auf das aktuelle Wirtschaftsgeschehen?

Dr. Bruns: Ja, ich fange mal mit der großen, wenn Sie so wollen, kapitalmarktphilosophischen Grundbemerkung an, dass es Unsicherheit immer an der Börse gibt. Das ist nämlich das Wesen des Finanzmarkts. Aber Sie haben ganz recht, jetzt ist etwas Besonderes eingetreten, nämlich eine Krise. Und hierzu muss man wissen, Herr Roth, Krisen gehören auch zum Finanzmarkt. Das wissen wir nicht erst seit Karl Marx, der ja meinte, der Kapitalismus sei eine Aneinanderreihung von Krisen, hat sich aber in vielem leider auch böse geirrt. Aber die Wahrheit ist: Es gibt Krisen in der Welt. Und jetzt haben wir eine frische neue Krise. Und die Kapitalmärkte verhalten sich in der Tat so, wie sie es bei jeder Krise tun.

Dr. Bruns: Ich will das mal zusammenfassen: Flucht in den Dollar, ob das klug oder weniger klug ist, das ist gar nicht so die Frage. Aber kurzfristig ist das der Fall. Dann ist die nächste Konsequenz: Europäische Aktien werden sich immer schlechter entwickeln als amerikanische. Das liegt übrigens daran, dass die großen Kapitalsammelstellen der Welt in Amerika sitzen und die ziehen dann gern das Geld zurück ins Heimatland. Und schließlich gibt es vielleicht eine Tendenz, etwas stärker den Bondbereich anzusteuern. Ob das klug ist angesichts dieser niedrigen Zinsen, ist dann wieder die nächste Frage. Aber grundsätzlich gilt, Herr Roth: Wir haben jetzt eine Krise und die Krise scheint sich so zu verhalten wie in jeder Krise. Wir haben ganz typische Verlaufsmuster. Das ist interessant. Damit können wir umgehen, gerade als ein Haus, das doch sehr auf die lange Frist setzt. Und wenn man sich an Qualität hält, insbesondere bilanzielle Qualität, dann denke ich, können wir einigermaßen gelassen mit dieser Krise uns ins Benehmen setzen.

Tom Roth: Jetzt gab es ja, abgesehen von den allgemeinen Mustern, wie Sie jetzt schon geschildert haben, in Krisen auch eine sehr wichtige Schifffahrtsroute, die geschlossen wurde, wo wir jetzt natürlich auch in den letzten Tagen gesehen haben, dass die Ölpreise sehr nach oben gestiegen sind. Was könnte denn da auch noch mit sich kommen?

Dr. Bruns: Aha, also das ist der Nukleus des Problems. Wir könnten eine Energiekrise bekommen. Das ist eine interessante Situation, die hier entstanden ist, denn grundsätzlich gibt es keinen Mangel an den Energieformen. Es geht ja um Primärenergien, die hier in Rede stehen. Wir reden also insbesondere von Öl und dann im Weiteren auch ein bisschen von Erdgas, wobei Öl wichtiger ist. Und Öl wird ja stark eben auch mit Schiffen transportiert, eine große Menge aus dem Nahen Osten, das ist das eine. Und selbstverständlich, Öl ist viel zu wichtig und energiedicht, als dass man darauf verzichten könnte. Es spielt eine ganz entscheidende, tragende Rolle im gesamten Transportverkehr der Welt. Insofern wird das auch eine Rolle spielen für das Thema Inflation, wenn Öl anzieht.

Dr. Bruns: Und ich will das mal ganz konkret sagen: Wir haben also seit Jahresanfang heute einen Zuwachs von, sagen wir mal, 35 Prozent im Rohölpreis. Das überträgt sich ja dann in die raffinierten Produkte und das wird dann auch irgendwann inflationsrelevant sein. Das muss man im Auge halten. Wobei man sagen muss: Diese Krise ist zunächst mal eine lokale Krise. So etwas kann länger dauern, das muss man abwarten. Das ist schwer zu prognostizieren. Man soll sich im Übrigen hüten zu meinen, so etwas ist dann morgen, übermorgen gleich vorbei.

Dr. Bruns: Ich erinnere Sie, Herr Roth, mal an den Ukraine-Konflikt. Da hatte ja der Bundesfinanzminister gesagt, der Außenminister der Ukraine möge sich da nicht beunruhigen, der Krieg sei ja in vier Tagen ohnehin vorbei. Damals, zur Erinnerung, standen die Russen schon vor Kiew. Aber da sind wir nun eines Besseren belehrt worden. Dieser Krieg ist im fünften Jahr jetzt. Und die Iran-Angelegenheit ist schwerwiegend, denn es ist ein großes Land. Das Land ist gut bewaffnet und das kann durchaus noch seinen Lauf nehmen. Also für die Rohstoffmärkte ist es ein Problem. Und wir haben dann ja die üblichen Verlaufsmuster. Das heißt immer, die Tourismusindustrien sind schwach, ob nun Kreuzfahrtschiffe, ob Fluglinien, ob Mietwagen, denn da heißt es ja, es gibt größere Verunsicherung. Kommt dann Terror, das folgt alles recht bekannten alten Mustern.

Dr. Bruns: Ich finde, davon können wir übrigens auch profitieren. Es ist ja nicht so, dass Krisen nicht gerade auch Vorteile mit sich brächten. Das Timing ist dann schon eine schwierige Sache. Aber bleiben wir mal beim Thema Energie. Amerika ist ja, wie Sie wissen, Herr Roth, ein Energieimporteur, Entschuldigung, Exporteur. Das heißt, es wird insbesondere Erdgas, aber auch Rohöl exportiert. Europa umgekehrt, Asien auch stark umgekehrt. Das muss man ein bisschen im Auge halten. Japan ist sehr abhängig von importierter Energie. Also hier gibt es dann schon Verwerfungen und die werden auch durchschlagen auf das Wirtschaftswachstum, denn Energie gehört nun mal ganz zentral zu den Inputgrößen jeder Volkswirtschaft. Also das hat schon Bedeutung. Die Krise ist nicht belanglos, das muss man im Auge halten. Und jetzt würfelt sich das an den Kapitalmärkten ein bisschen durcheinander. Wir stehen auf Habachtstellung, aber einstweilen mit einer gewissen Grundgelassenheit.

Tom Roth: Also verlagert sich da auch in gewisser Art und Weise teilweise der Fokus auf die Industrien oder andere Branchen bei Ihnen?

Dr. Bruns: Ja, das kann man schon sagen, zumal wir ja in den letzten Monaten ohnehin ganz interessante Rotationsbewegungen gesehen haben. Also ich will zwei unbedingt benennen. Eine lautete vielleicht etwas weg von der Konzentration auf riesig kapitalisierte Unternehmen mit etwas stärkerer Betonung mittel- und kleinkapitalisierter Titel. Das hat uns auch durchaus gut getan. Und ein zweites ist dieses Phänomen, dass die Softwareaktien, die allerdings fette Jahre hinter sich gebracht haben, in den letzten Monaten stark gelitten haben. Und das kommt ja bekanntlich aus der Angst, dass die künstliche Intelligenz gegebenenfalls Software so gut schreiben kann, dass man die Softwareaktien gar nicht braucht.

Dr. Bruns: Nun sage ich Ihnen: Das scheint mir doch sehr übertrieben zu sein. Aber auch hier kommt es dann stets auf den Einzelfall an. Eine SAP, die so tief verwurzelt ist, etwa in der Infrastruktur aller Großunternehmen oder mindestens der meisten, die kann man nicht einfach ersetzen durch irgendwas Selbstgestricktes aus dem Internet. Das ist also ein absurder Gedanke. Sondern Software braucht jedes Unternehmen, sonst gehen die Systeme überhaupt nicht. Und das ist tief verankert. Man hat da auch große Investitionen getätigt, das muss auch so weitergehen. Also ich sehe diesen Trend nicht so dramatisch.

Dr. Bruns: Tatsächlich möchte ich Ihnen zurufen, Herr Roth: Es kann auch manchmal sein an der Börse, dass die Börse quasi einen Anlass sucht, um einen Sektor, der zu teuer geworden ist, und ich fürchte, das muss man über Softwareaktien wohl sagen, um diese Bewertung einfach mal zurechtzustutzen. Das ist in guter Ordnung nach meinem Dafürhalten. Es werden einfach Dinge an der Börse mitunter zu teuer und dann braucht man einen Anlass. Und jetzt ist er gekommen und jetzt wird das wieder geradegerückt. Und das hat ja den Vorteil, wenn dann die Softwareaktien, die schon nicht alle untergehen werden, wieder vertretbare Bewertungen haben, na ja, da kann man sich auch etwas konstruktiver drum kümmern.

Dr. Bruns: Wichtig ist aber für unsere Anleger, Herr Roth, Sie wissen, ich bin sehr konservativ unterwegs, ich achte auf Bilanzen, ich zahle auch nicht diese großen Prämien, auch nicht für Softwareaktien. Wenn aber die Qualität gegeben ist und die Krise mir die Dinge günstig liefert, dann bin ich höchstwillens, da was zu tun, und gerne auch Softwareaktien. Und ich sage Ihnen ganz konkret: Der LOYS Philosophie Bruns ist da unterwegs und auch der LOYS Global, den ich ja seit Anfang Dezember übernommen habe und, ich denke doch, jetzt auf eine viel bessere Spur gesetzt habe, der macht sich auch ganz munter. Und da bin ich eigentlich ganz zuversichtlich, dass uns eher gute Monate bevorstehen.

Tom Roth: Also sagen Sie klipp und klar, es gibt nicht jede Softwareaktie ist ein KI-Verlierer. Es gab ja auch viele IT-Dienstleister, die unter diesem Ruf gelitten haben und dass es da wirklich auf das Fundament ankommt. Man hat ja auch mitbekommen, dass einige KI-Unternehmen, zumal der Chef von Nvidia, auch gesagt haben, dass Software immer noch ein sehr präsentes Thema in den nächsten Jahren bleiben wird.

Dr. Bruns: Man könnte sogar sagen, KI ist ja Software, das sind ja alles Softwaremodelle. Und daran zeigt sich: Also man braucht heute mehr Software denn je. Die Software wird eher wichtiger. Ich denke auch, man hat früher, vor Jahren gesagt, als das Internet aufkam, nun ja, damals war das neu, dann hieß es: Jedes Unternehmen ohne Ausnahme muss irgendwie ein Internetunternehmen sein. Keiner kann ohne Internet leben. Und man wird eben heute sagen können: Jawohl, so ist es auch gekommen. Also ich könnte mir das gar nicht vorstellen, dass ein Unternehmen das Internet nicht nutzt. Das wird man nicht finden, nicht wahr. Insofern, diesmal wird es heißen: Ja, dann brauchen wir überall KI. Es wird kein Unternehmen geben, das nicht KI macht. Und so sieht es wohl jetzt eben auch aus. Also alle machen KI, dafür brauchen wir Software, dafür müssen Anwendungen geschrieben werden. Dann wird es irgendwie schon gehen.

Tom Roth: Wenn wir da vielleicht noch mal tiefer reingehen auf Aktienebene: Wir haben ja aktuell auch die Reporting Season. Gab es da vielleicht einige Überraschungen, aber auch einige News, wo man sagen kann, da stand klipp und klar fest, dass jetzt ein Unternehmen doch nicht zum KI-Verlierer gehört und auch im Q1 2025 sehr gute Bilanzen aufweisen konnte?

Dr. Bruns: Ja, ich glaube, das kann man schon sagen. Jetzt haben wir in der Tat die Bilanzsaison einigermaßen hinter uns gebracht. Da hat sich doch vieles bewegt. Es gab wie so oft dann positive wie aber auch negative Überraschungen. Also es gibt Sektoren, denen es schlecht geht. Chemie etwa, wobei ich da verkünde, da sind wir ja kaum dabei. Etwas durchwachsener ging es im Technologiebereich zu. Da hat sich ja der Hardwaresektor stark gezeigt, ob das nun Broadcom ist oder Nvidia oder AMD. Die Chip-, die Halbleiterbranchen waren da fest. Bei Software und Dienstleistungen war es etwas gemischt. Es gab bei manchen gute Ergebnisse. Dazu zählt auch eine Salesforce, denke ich, als sauber war, und Microsoft. Aber da hat man eben schon bemerkt, wie groß die Wachstumsherausforderungen sind.

Dr. Bruns: Schwierigkeiten gibt es ja in der Grundstoffindustrie, das ist klar. Wir haben ja in Deutschland eine Rezession, da hat sich vieles schwierig erwiesen. Automobil, da waren die Zahlen schwach. Das Thema heißt hier China, wie jeder weiß, und Zölle. Und zwischenzeitlich hatten wir auf der Zollfront dann auch dieses interessante Urteil in den USA, wo das höchste Gericht gesagt hat, diese Zölle darf der Präsident nicht verhängen, sondern es muss der Kongress tun. Also ist das unwirksam. In der Folge dessen kann man seine Zölle zurückerstattet bekommen. Nun hat der Präsident gesagt: Gut, dann muss ich ganz andere Zölle heben. Also das Chaos ist geblieben. Und für die Automobilhersteller, also auch für die Zulieferer oder Maschinenbauer, das ist ja ein großes Ökosystem, wenn Sie wollen, ist es nicht besser geworden. Und die Zahlen haben das auch ausgedrückt. Das muss man ein bisschen im Auge halten.

Dr. Bruns: Insofern: etwas durchmischtes Gesamtbild. Stark war der Energiesektor einmal mehr. Da hat sich vieles getan. Ich denke auch, dass wir hinreichend dabei sind in unseren Fonds. Jetzt kommt diese Sondersituation über die Krise. Das muss man also abwarten, aber das ist etwas durchmischt. Jetzt müssen wir mal schauen, ob die Krise auf die Konjunktur sehr negative Auswirkungen hat. Es wird ja sicherlich nicht positiv wirken, da könnten Einflüsse schon wirksam werden. Aber wir haben doch ein bisschen Kasse. In LOYS Global habe ich 10 Prozent Kasse, in LOYS Philosophie Bruns mögen es eher 4 Prozent sein. Also da können wir was tun und bin da zuversichtlich.

Dr. Bruns: Vielleicht noch eins, Herr Roth: Der Finanzsektor war ja auch sehr durchgeschüttelt worden, obwohl er gute Zahlen hatte. Die Banken hatten durch die Reihe gute Zahlen und waren zuletzt doch schwach. Da könnten wir denken, dass man dort vielleicht sogar etwas mehr tun muss.

Tom Roth: Alles klar, dann haben wir ja wirklich einen umliegenden Ausblick von Ihnen bekommen und dann bedanke ich mich für die ganzen Informationen und freue mich aufs nächste Gespräch. Dankeschön.

Dr. Bruns: Ich danke. Wiederhören.