Markus Herrmann: Energiekrise, KI-Irrtümer und neue Chancen bei deutschen und britischen Aktien

In der aktuellen Folge von „Abseits der Indizes!“ analysiert Markus Herrmann, Fondsmanager bei LOYS, über die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Konflikts und die unterschiedlichen Auswirkungen auf Regionen, Branchen und Unternehmen. Während Asien unter steigenden Energiepreisen und teils realen Engpässen leidet, zeigt sich Europa bislang robuster – auch wegen breiterer Energiequellen und des Ausbaus erneuerbarer Energien. Zugleich ordnet Markus Herrmann ein, welche Inflationsrisiken aus höheren Ölpreisen entstehen und weshalb sich daraus auch selektive Chancen für Investoren ergeben. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der aktuellen KI-Debatte: Markus Herrmann erklärt, warum viele Software-, IT-Dienstleistungs-, Beratungs- und E-Commerce-Unternehmen aus seiner Sicht zu pauschal als „KI-Verlierer“ eingestuft werden. Stattdessen sieht er in vielen Fällen erhebliche Fehlbewertungen und attraktive Einstiegspunkte. Ergänzt wird die Folge durch zwei konkrete Unternehmensbeispiele: Springer Nature aus dem LOYS Premium Deutschland und IG Group aus dem LOYS Premium Dividende.

Podcast-Transkript

Tom Roth: Hallo und herzlich willkommen zu einer weiteren Folge unseres Podcasts. Ich sitze hier wieder mit Markus Herrmann.

Markus Herrmann: Hallo.

Tom Roth: Hallo Tom, hi. Wir machen ja jetzt erstmal einen allgemeinen Marktüberblick, bevor wir dann auf die Aktien des Monats übergehen. Und im letzten Monat war natürlich der Iran-Konflikt wirklich sehr präsent. Was ist da aus deiner Wahrnehmung alles passiert, auch wirtschaftlich und aus Portfoliomanager-Sicht?

Markus Herrmann: Es passiert ja immer noch einiges. Wir werden auch natürlich in den nächsten Wochen noch einiges sehen. Das ist ganz vielschichtig, wie das die Welt aktuell betrifft. Ich meine, angefangen von Energieknappheit, Rohölknappheit, steigende Preise in dem Bereich, muss man unterscheiden zwischen den einzelnen Geografien.

Markus Herrmann: Der Hauptverlierer aktuell ist definitiv Asien. Viele asiatische Länder sind hauptsächlich eben vom Öl und Gas aus der Golfregion abhängig. Man sieht hier nicht nur stark steigende Preise, die dann wiederum die Wirtschaft dort lähmen in Indien, in Thailand, in China, Sri Lanka, Indonesien etc., sondern auch tatsächliche Knappheiten.

Markus Herrmann: Ja, also es gibt tatsächlich dort schon Knappheiten in der Industrie, erste Chemieunternehmen in Indien, in China, die sogenannte Force Majeure anmelden müssen. Das heißt, größere Ereignisse, die sie nicht beeinflussen können, die dann die Produktion dort stilllegen und die dann ihre Waren nicht mehr liefern können, zum Beispiel an amerikanische oder europäische Kunden. Also all das sehen wir aktuell schon.

Markus Herrmann: Und jetzt ist eben die Frage, wie lange geht das? Wie lange wird eben diese Knappheit dann auch für Probleme sorgen? Und wie werden sich auch die Gewichte auf der Welt verschieben? In Europa ist Knappheit aktuell noch kein Thema. Das bekomme ich aus der Wirtschaft von den Unternehmen widergespiegelt, dadurch, dass Europa einfach sehr, sehr viele alternative Energiequellen hat bezüglich erstens Lieferanten wie zum Beispiel eben Norwegen oder die USA beispielsweise und im Strombereich auch eben stark auf erneuerbare Energien gesetzt hat die letzten Jahre.

Markus Herrmann: Das ist vielleicht auch der Hauptunterschied im Vergleich zum Anfang des Ukrainekriegs. Das ist ja immerhin schon vier Jahre in der Vergangenheit. Und der Ausbau der erneuerbaren Energien über die Zeit hat geholfen, zumindest im Strombereich ein Stück weit unabhängiger zu werden. Da hilft natürlich jetzt auch, dass wir aus dem Winter gerade rauskommen, die Sonne mehr scheint und so weiter.

Markus Herrmann: Und deshalb ist es auch ganz interessant, was man eben in den einzelnen Energieträgern dann auch an Preisbewegungen sieht. Also wenn man beispielsweise das Rohöl anschaut, da ist die Preisbewegung massiv und das wird auch tatsächlich zum Problem in der Produktion. Da müssen die Preise dementsprechend stark angehoben werden. Das sehen wir alle auch an der Tankstelle, dass da die Inflation jetzt ihren Bann bricht.

Markus Herrmann: Schaut man sich aber die Gaspreise an und auch die Strompreise, dann sieht man da eine andere Dynamik, weil da eben, wie gesagt, die Lieferketten anders ausgebaut sind. Wir sind zwar auch im Gaspreis von circa 30 Dollar auf ja um die 60, wenn der Podcast ausgestrahlt wird, wer weiß, wo wir dann sind. Also eigentlich eine Verdopplung, aber wenn man das im historischen Kontext sieht, sind wir eigentlich auf ungefähr dem gleichen Niveau von vor einem Jahr. Also eigentlich hat sich gar nicht viel getan, außer Volatilität im Gaspreis.

Markus Herrmann: Das sieht im Ölpreis, wie gesagt, ganz anders aus. Und im Strompreis haben wir uns eigentlich kaum bewegt. Da hatten wir die größere Bewegung, als der Fokus auf den niedrigen Füllstand bei den Gasspeicherständen in Deutschland gegangen ist. Da ist der Strompreis in Deutschland mal kurz durch die Decke gegangen, ist aber dann wieder zurückgekommen und hat sich eigentlich mit dem Iran-Krieg kaum bewegt, weil wir Strom eben vor allem mittlerweile aus Wind und auch aus Sonne generieren.

Markus Herrmann: Also das ist ganz interessant, wenn man sich auch die Frage stellt, wie ist denn jetzt eigentlich die europäische Industrie, das ist ja auch die Hauptfragestellung, betroffen. Und aktuell ist das noch auf einem relativ moderaten Niveau. Es gibt eben Unternehmen, die viel Gas brauchen, die viel Strom brauchen, die sind jetzt bezüglich der Kostensteigerung noch nicht so stark betroffen. Der Hauptimpact kommt eben über den Ölpreis, aber da sind, wie gesagt, andere Geografien auf der Welt viel stärker betroffen als wir aktuell.

Tom Roth: Das hatten wir ja auch im letzten Podcast über UK geredet, dass da die Inflation sich auch gesenkt hat. Sind jetzt, abgesehen mal von dem Energiesektor, da auch noch andere Bereiche, die dadurch vielleicht auch betroffen werden können, was zum Beispiel die Zinsen angeht?

Markus Herrmann: Ja, das ist ja momentan auch das Thema, was der Markt dann durchspielt, ja, wenn jetzt eben die Energie teurer wird. Und wie gesagt, aktuell sehe ich das vor allem nur beim Öl. Ja, es wird eher eine Frage sein eben, wie der Ölpreis letzten Endes die Produktionskosten für bestimmte Produkte nach oben treibt. Also Chemikalien beispielsweise werden definitiv teurer in einigen Bereichen, 20, 30 Prozent sehen wir hier an Preissteigerungen. Dann das Thema Düngemittel natürlich wird sich auswirken auch auf die Nahrungsmittelpreise, ganz, ganz eindeutig.

Markus Herrmann: Und auf der Energieseite hingegen glaube ich, haben wir noch keine extremen Steigerungen zu erwarten, weil einfach im Zwölfmonatskontext oder auch Vierundzwanzigmonatskontext der Strompreis und die Gaspreise sich nicht wirklich bewegt haben. Meiner Ansicht nach werden wir insgesamt einen Inflationsanstieg von circa einem Prozentpunkt erstmal erleben. Davon wahrscheinlich die Hälfte aus dem reinen Ölpreis, sprich Tanken, Heizöl etc. pp., und ungefähr die andere Hälfte aus den indirekten Effekten, dass einfach die Güter teurer werden aufgrund eben der Notwendigkeit, Öl zu verarbeiten.

Markus Herrmann: Und dann kommt es eben darauf an, wie lange der Konflikt dauert. Wenn der Konflikt beendet ist, und wir gehen nach wie vor auch davon aus, dass er nicht allzu lange dauert, weil Trump natürlich kein Interesse daran hat, dass mit seinen Midterm Elections die Amerikaner sauer auf ihn sind, dass die Benzinpreise so hoch sind und die Inflation ansteigt. 60 Prozent der Amerikaner sind ja ohnehin schon jetzt gegen den Iran-Krieg und sagen: Was bringt uns das, außer höhere Spritpreise?

Markus Herrmann: Jetzt fahren die Amerikaner dann auch über den Sommer gerne in Urlaub und zwar weite Strecken mit sehr spritfressenden Fahrzeugen. Und dann schauen die auf ihren eigenen Geldbeutel und sind natürlich unzufrieden mit der Politik. Das will Trump in dem Sinne natürlich nicht riskieren. Deshalb glaube ich, wird es da in absehbarer Zeit eine Lösung geben.

Markus Herrmann: Aber nichtsdestotrotz, darauf wird es jetzt ankommen. Wenn der Konflikt beendet wäre, dann würde wahrscheinlich der Ölpreis, Gaspreis und so weiter relativ schnell wieder sinken, nicht auf das Niveau unmittelbar, wo wir hergekommen sind, sagen wir mal beim Ölpreis circa 70 Dollar, aber die Spekulation wäre dann erstmal aus den Preisen raus, bis sich das ganze System dann wieder ausbalanciert hat. Es wurden ja auch Lieferketten zerstört, Anlagen zerstört, das muss alles wieder aufgebaut werden. Das wird wahrscheinlich sogar ein bis zwei Jahre brauchen, bis sich das wieder auf das Normalmaß eingependelt hat.

Markus Herrmann: Aber wir werden dann wahrscheinlich von 100, 110 Dollar je Barrel wieder Richtung 80 tendieren. Das wäre jetzt meine Tendenz. Das heißt, die Hälfte dieses Inflationsanstiegs wäre wahrscheinlich relativ schnell wieder ad acta gelegt. Die andere Hälfte wäre zäh, weil natürlich die Preise, die erstmal angehoben wurden für bestimmte Waren, nicht so schnell wieder gesenkt werden.

Markus Herrmann: Ja, das ist ja immer das übliche Spiel in der Industrie, dass man die Preise gerne schnell anhebt, wenn die Inputfaktoren steigen, aber dass das Abebben der Preise beziehungsweise das Senken dann länger dauert. Darauf schauen wir natürlich auch: Welche Unternehmen werden jetzt de facto davon profitieren? Weil wir natürlich die gleichen Erfahrungen ja schon gemacht haben in 2022, das ist auch der Hauptunterschied zu damals.

Markus Herrmann: In 2022, nach Ausbruch des Ukrainekriegs, war dann erstmal die Hauptfrage, welche Unternehmen werden jetzt extrem darunter leiden, dass die ganzen Energiekosten steigen, und wer kann das sauber an den Endkunden weiterleiten, wer wird vielleicht sogar davon profitieren. Man hatte einfach in der Vergangenheit keinen adäquaten Vergleichsmaßstab. Die letzte Energiekrise waren die 70er Jahre, das kann man in dem Sinne nicht heranziehen. Und jetzt ist das aber erst vier Jahre her, dass das alles genauso passiert ist, natürlich auf einer anderen Magnitude.

Markus Herrmann: Wir sind jetzt viel geringer unterwegs, was den Einfluss angeht. Aber wir haben eben in vielen Industrien gesehen, können wir vielleicht nachher noch mal aufgreifen, dass es Unternehmen gibt, die diese Preissteigerung relativ schnell an den Endkunden oder an ihre Kunden weitergeben können und wenn die Inputfaktoren, sprich Ölpreis, Gaspreis und so weiter, wieder sinken, die Preise dort lassen, wo sie sind, und netto sogar davon profitieren. Und das gibt uns natürlich auch viel Komfort bei einer Investition in genau diese Unternehmen, weil wir wissen, eigentlich ist es so: Wenn wir einen steigenden Ölpreis haben, steigenden Gaspreis, dann ist das netto langfristig sogar positiv für die, weil wenn das Ganze wieder zurückgeht, werden sie die Marge trotzdem behalten können.

Markus Herrmann: Thema Inflation, das war ja eigentlich die Frage. Meine ursprüngliche These bei dem Thema britische Inflation war ja: Wir hatten aufgrund politischer Veränderungen beziehungsweise einer Steigerung des Mindestlohns und der Sozialabgaben in Großbritannien einen starken Inflationsanstieg gesehen von circa 2,5 Prozent auf dann 4 Prozent, sind jetzt wieder runter auf 3. Und die These war, wenn sich diese ganzen Effekte annualisieren, nämlich ungefähr Mitte des Jahres 2026, werden wir deutlich wieder zurückkommen von der Inflation auf dann wieder 2 Prozent.

Markus Herrmann: Jetzt haben wir natürlich diese inflationsfördernden Effekte aus dem Iran-Konflikt und das ist nicht nur ein britisches Thema, sondern, wie gesagt, ein weltweites Thema. Das wird überall natürlich die Inflation erstmal anheben. Wie gesagt, meine Schätzung circa ein Prozentpunkt. Und dann würden wir natürlich in Großbritannien von aktuell 3 auf wieder 4 Prozent gehen, bis sich diese Effekte aus den Sozialabgaben und Mindestlöhnen annualisieren und dann wieder wahrscheinlich auf 3 gehen. Und von dort würde die Reise dann, wie prognostiziert, wahrscheinlich weitergehen, dass eben, wenn der Konflikt aufhört, dann wieder circa einen halben Prozentpunkt weniger, dann wären wir bei zweieinhalb und dann wird sich das ungefähr wieder Richtung 2 entwickeln.

Markus Herrmann: Aber eben mit einem, im Vergleich zu meiner These von vor zwei, drei Monaten, als der Iran-Konflikt noch nicht stattgefunden hat, eben etwas weiter rechts auf der Zeitschiene. Aber die grundsätzliche These ist nach wie vor da, daran hat sich nichts geändert. Aber man kann natürlich nicht negieren, dass jetzt die Energiepreise stark gestiegen sind.

Markus Herrmann: Beim Thema Großbritannien muss man dazu sagen, das wäre ein Treiber gewesen unmittelbar, dass die Bewertungen da wieder hochkommen. Aber es ändert nichts daran, dass die Bewertungen weit zu günstig sind. Also das ist nach wie vor so, günstiger denn je. Dementsprechend positiv bin ich auch auf der Schiene.

Tom Roth: Also siehst du da auch ein großes Nachkaufpotenzial oder Investitionspotenzial generell, weil ja auch viele Unternehmen sozusagen jetzt im Aktienkurs etwas verloren haben, aber die Unternehmen trotzdem gesund und solide sind?

Markus Herrmann: Absolut. Da ist weiterhin so viel Nachholpotenzial. Daran ändert jetzt auch der ganze Konflikt nichts. Es ist ja sogar so, dass in Großbritannien die Unternehmen, die wir dort allokiert haben, überwiegend Dienstleister sind. Das ist generell so in der britischen Wirtschaft, da gibt es wenig Produktion. Nur circa 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird wirklich mit den produzierenden Industrien generiert. Das ist eine Dienstleistungsökonomie dort. Dementsprechend sind jetzt da die Abhängigkeiten von Energiepreisen auch nicht wirklich hoch.

Tom Roth: Dann würde ich gerne mit dir noch mal ein bisschen von dem Konfliktthema weggehen und vielleicht noch mal auf das AI-Thema gehen. Da hatten wir ja auch im letzten Monat sehr intensiv drüber gesprochen und man bekommt es ja immer wieder mit. Anthropic bringt jeden Tag neue Updates raus und gegenläufig vielleicht aber auch, die Videoplattform Sora wurde jetzt eingestampft. Was ist da vielleicht noch mal zu zu sagen? Hat sich da dein Bild erweitert oder gibt es da neue Erkenntnisse?

Markus Herrmann: Es sind ganz, ganz interessante Punkte, die du aufgreifst, weil der Markt wird immer so ein bisschen verrückt, wenn neue Produkte auf den Markt kommen von eben Anthropic oder OpenAI und so weiter und spielt dann erstmal durch: Oh, was könnte das alles bedeuten für andere Unternehmen? Wenn solche Produkte aber wieder verschwinden, dann ist das meistens geräuschlos, weil Anthropic sendet dann natürlich keine Pressemitteilung raus: Hört mal zu, wir haben vor zwei Jahren groß angekündigt, dass wir ein neues Produkt auf den Markt bringen und jetzt müssen wir es einstellen. Sondern das verschwindet dann einfach.

Markus Herrmann: Und in den Aktienkursen wird das dann meistens aber nicht so gespielt, dass das, was verloren wurde aufgrund der Produktankündigung, dann wieder aufgeholt wird. Das gerät dann einfach in Vergessenheit. Und das beobachten wir natürlich aber auch sehr, sehr stark, was dann tatsächlich mit diesen Produkten passiert und inwiefern sie tatsächlich einen Einfluss haben auf andere Unternehmen, auf verschiedene Geschäftsgebaren.

Markus Herrmann: Und wie du sagst, es herrscht natürlich eine große Dynamik in dem ganzen Bereich und man muss sich, wie auch vor Wochen und Monaten und Jahren, natürlich immer wieder fragen: Warum ist ein Unternehmen überhaupt erfolgreich, das die letzten Jahre schon erfolgreich war? An was liegt das? Liegt das daran, dass die am schnellsten programmieren können oder liegt es eben an anderen Dingen?

Markus Herrmann: Und wir haben ja ganz verschiedene Bereiche an der Börse, die momentan von diesem KI-Thema negativ beeinflusst sind, wo man sagt oder wo der Aktienmarkt behauptet, das ist ein KI-Verlierer. Und ich habe das mal ganz grob in fünf verschiedene Segmente eingeteilt. Wir haben einerseits natürlich die Softwareaktien, wo man sagt, ja, die KI wird die Software auffressen, wird sie ersetzen. Und da muss man einfach ganz, ganz stark unterscheiden aus meiner Sicht, um was für Software es sich überhaupt handelt.

Markus Herrmann: Handelt es sich um Software, die letzten Endes Dinge einfach grafisch aufbereitet, wo nicht viele Schnittstellen bestehen, die regulatorisch nicht wichtig ist, die nicht wichtig ist für das Management von Lieferanten und Kunden, die vielleicht auch Schnittstellen haben zu der Software? Umso komplexer eine Software im Ökosystem anzusiedeln ist, umso besser natürlich geschützt. Weil erstens natürlich viele Unternehmen, die diese Software benutzen, dann nicht versuchen werden, das irgendwie anders zu lösen, weil sie Angst haben, dass es dann nicht funktioniert und weil natürlich der Regulator oder der Kunde oder der Lieferant das auch nicht so toll finden würden oder der Wirtschaftsprüfer beispielsweise. Und dann verlässt man sich lieber auf das, was gut funktioniert.

Markus Herrmann: Genauso ist es natürlich mit Software, wo viel technisches Know-how bezüglich auch Branchen-Know-how drinsteckt. Eine KI kann ja immer nur das verarbeiten, was man irgendwo an Informationen abgreift. Aber das, was im Internet allgemein steht, woher sich jetzt letzten Endes eine ChatGPT beispielsweise oder auch die Produkte von Anthropic bedienen, das sind ja keine Geschäftsgeheimnisse, sondern das ist im Prinzip allgemein verfügbare Information. Und die reicht nicht aus, um dann extrem komplexe Branchensoftware mitzugestalten beziehungsweise zu füttern mit Information.

Markus Herrmann: Die ganzen Algorithmen, die dahinter liegen, eine SAP hat ihre ganzen Algorithmen nicht online gestellt, damit ChatGPT sie dementsprechend abfangen und abfragen kann. Dann die ganzen Daten, die man über Jahrzehnte gesammelt hat in verschiedenen Branchen. Wenn man sich vorstellt, eine KI muss ja immer mit Daten trainiert werden. Wenn ich aber jetzt schon Unternehmen habe wie beispielsweise eine SAP oder was wir auch in Großbritannien haben, eine Craneware, wo 40 Prozent der US-Krankenhäuser ihre ganzen Abrechnungen vornehmen von den Patientendienstleistungen, die sie tätigen, um das eben bei der Krankenkasse dann abzurechnen, da habe ich Jahrzehnte von Daten und wenn ich eben diesen Datenschatz schon habe, dann kann ich natürlich meine eigenen KI-Tools als Softwareunternehmen ganz anders trainieren als jemand anderes, der diese Daten nicht hat.

Markus Herrmann: Und deshalb muss man eben stark unterscheiden. Wenn wir eben zum Beispiel über Software sprechen, ich nenne jetzt einfach mal Namen, Salesforce, CRM, da habe ich nicht viele Schnittstellen. Also Salesforce ist natürlich ein Gigant und die Software ist komplexer als von kleineren Unternehmen, aber eben der ganze Bereich CRM-Software, Vertrieb trägt Kundendaten ein, managt Kundendaten, da habe ich relativ wenig, was mich da schützt bezüglich eben Relevanz für Wirtschaftsprüfer, Regulatoren, Schnittstellen zu Kunden, zu Lieferanten etc. Branchen-Know-how habe ich da alles nicht. Das heißt, das ist ein Bereich, wo ich eher vorsichtig wäre.

Markus Herrmann: Andere Bereiche, die eben extrem diese Kriterien erfüllen, die ich alle genannt habe, da würde ich eher sagen, wird es sehr, sehr schwer für Newcomer, da das Feld aufzurollen. Ganz im Gegenteil, die etablierten Spieler in dem Bereich haben einfach eine extrem gute Ausgangsposition, um die KI für ihre Produkte zu nutzen, um diese Produkte noch besser zu machen für ihre Kunden. Das ist der erste Bereich.

Markus Herrmann: Der zweite Bereich sind die IT-Dienstleister, wo wir, wie letztes Mal schon besprochen, sehen, dass jetzt dieses Aufkommen der ganzen KI-Projekte bei den Kunden zusätzliches Geschäft generiert. Man hat da eigentlich jetzt zwei, drei Jahre drauf gewartet. Für IT-Dienstleister oder generell für Beratungsunternehmen ist es ja immer so: Je weniger sich verändert auf der Welt, desto schlechter für die, weil wenn sich nichts verändert, sagen deren Kunden, ja gut, ich brauche ja keine Berater jetzt im Haus. Wenn sich sehr, sehr viel verändert und der Kunde das Bedürfnis hat zu sagen, ich muss mich jetzt auch verändern, ich muss mich adaptieren, aber ich weiß nicht wie, ich brauche Hilfe, ich brauche Beratung, dann brauche ich genau diese IT-Dienstleister oder Beratungsunternehmen.

Markus Herrmann: Und jetzt verändert sich gerade sehr viel eben. Das heißt, diese ganze KI-Umwälzung, diese Revolution, die bringt neues Geschäft für diese Unternehmen, weil die Kunden eben Hilfe brauchen. Und das sind keine Unternehmen, die einen IT-Stab von tausenden von Mitarbeitern haben, die sich dann selber um die Probleme kümmern können, sondern die brauchen eben Hilfe von diesen Beratungsgesellschaften. Das ist auch ein Bereich, der jetzt eher sogar von KI profitiert, auch wenn das reine Programmieren durch KI viel, viel effizienter wird und man wahrscheinlich Effizienzgewinne von 80 Prozent beim reinen Programmieren hat und man sagen könnte, na ja, dann wird ja ein Projekt, das ich bisher gemacht habe als IT-Dienstleister, viel kleiner ausfallen. Das ist auch so, aber ich kann eben viel, viel mehr Projekte machen und die Kunden machen auch mehr Projekte, weil sie natürlich sagen, super, mein Unternehmen ist nicht fertig digitalisiert.

Markus Herrmann: Also ich glaube, jeder der Zuhörer oder Zuschauer wird sagen, na ja, bei meinem Unternehmen gibt es auch noch sehr, sehr viel Potenzial für Digitalisierung. Und genau das wird eben ein schnelleres Drehen der gesamten Welt in dem Bereich mit sich bringen, aber eben nicht notwendigerweise weniger Geschäft für die IT-Dienstleister, sondern aktuell sogar eher mehr. Also die Ausblicke sind da positiver als noch vor einem Jahr.

Markus Herrmann: Dann schon mit angesprochen die Beratungsgesellschaften und alles, was irgendwie mit dem Thema Beratung zu tun hat. Da haben wir Großkanzleien, da haben wir Steuerberater, Insolvenzverwalter und so weiter und so fort, Management Consultants. Also die werden auch alle in diese KI-Verlierer-Ecke gedrängt, weil man sagt, ja, KI macht die ganze Branche viel effizienter, dann sinken die Preise und so weiter und so fort.

Markus Herrmann: Interessanterweise bei Anwaltskanzleien, bei Steuerberatern, bei Insolvenzverwaltern und so weiter haben wir noch überhaupt keine Preiseffekte gesehen, weil natürlich diese Unternehmen die KI-Tools schon für sich nutzen, aber dann nicht notwendigerweise zum Kunden gehen und sagen, so, jetzt senken wir den Preis um 10, 20 Prozent. Und der Kunde, wenn er jetzt einen guten Anwalt braucht, dann guckt er auch nicht wirklich auf den Preis, weil er ja denkt, aber wenn ich da jetzt, wenn da ein günstiger Anwalt ist, dann ist er wahrscheinlich nicht so gut.

Markus Herrmann: Also das ist ja so eine Branche, wo man sagt, je teurer quasi die Dienstleistung ist, desto besser ist wahrscheinlich auch die Dienstleistung. Und das ist auch ein Feld, wo man natürlich, wo die Gefahr, dass ein Kunde das selber macht, auch ausgeschlossen ist. Also kein Kunde kann seine eigene Insolvenz verwalten sozusagen. Wenn es dann wirklich in die Insolvenz geht, in die tatsächliche, kein Kunde wird sich selber vor Gericht vertreten und die Steuererklärung wird man auch nicht selber machen.

Markus Herrmann: Das ist eigentlich ein ganz guter Vergleich auch zur ganzen Softwaregeschichte. Wenn es sehr trivial ist, mache ich meine Steuererklärung selber, weil ich habe nicht viele Positionen. Wenn ich aber ein Unternehmen bin und das alles sehr, sehr komplex ist und ich dem Wirtschaftsprüfer gegenüber auch natürlich zeigen muss, dass das alles seine Richtigkeit hat, dann nehme ich doch am besten noch einen Steuerberater mit ins Haus. Und so ist es quasi in Software auch. Je komplexer, desto eher will ich ein Tool haben oder einen Ansprechpartner, der sich wirklich damit auskennt.

Markus Herrmann: Also das sind alles Bereiche, die relativ wenig davon betroffen sind, auch Management Consulting, aber die trotzdem eben in diese Ecke geschoben werden. Dann haben wir natürlich das Thema Datenprovider. Ganz am Anfang der KI-Abverkaufswelle waren ja auch die Börsen zum Beispiel in diese Ecke gedrängt worden, bis dem Markt dann klar wurde: Na ja, aber die Daten, die die Börsen generieren, wie jetzt eine Deutsche Börse, eine Euronext, eine LSE in Großbritannien, die kommen ja nur von denen, die können ja von niemand anderem generiert werden und dementsprechend sitzen die natürlich auch auf einem brutalen Datenschatz. Die sind jetzt so ein bisschen aus der Ecke rausgekommen. Also das sind auch Unternehmen, auf die wir natürlich schauen.

Markus Herrmann: Und dann zum Schluss noch der Bereich E-Commerce, dass man sagt, na ja, wenn jetzt die Konsumenten eben mehr ChatGPT beispielsweise nutzen, um den Einkauf zu starten, dann könnte es ja sein, dass man gar nicht mehr auf eine Website wie beispielsweise Zalando geht, weil man kann ja einfach zu ChatGPT sagen, ich brauche eine dunkle Hose, bitte schau, wo das eben am günstigsten vorhanden ist, und dann kaufen wir die.

Markus Herrmann: Und natürlich kann man das machen, rein theoretisch. Aber die Sache ist ja, man muss dann wieder den E-Commerce einteilen in verschiedene Bereiche. Wenn es eben Dinge sind, die mit Mode, mit Möbeln, also irgendwas Dekoratives, entweder am eigenen Körper oder im Haus zu tun haben, dann ist es so, dass die Masse der Kunden und Kundinnen vor allem in dem Bereich ja selber schauen wollen. Also die wollen nicht, dass ChatGPT irgendeine Hose kauft, sondern die wollen selber vorher schauen, was sind denn das eigentlich für Sachen und mögen eigentlich auch das. Also dieses Effizienzgetriebene, was die KI dann mit sich bringt, ist eigentlich völlig fehl am Platz in dem Bereich bei den allermeisten Dingen.

Markus Herrmann: Es sei denn, ich habe jetzt wirklich ein konkretes Produkt, was ich suche, aber das kann ich dann zum Beispiel auch über Idealo heute genauso schon machen. Da ist jetzt ChatGPT keine wirkliche Revolution. Und dann gibt es wiederum Bereiche, also das sehe ich eben als dann relativ wenig angreifbar, und dann gibt es Bereiche, wo man klar definierte Dinge hat. Zum Beispiel: Ich will einen Flug buchen oder ein Hotelzimmer in dem und dem Hotel zu dem und dem Datum. Dann könnte ich ChatGPT natürlich heute beauftragen: Such mir eben dieses Zimmer auf der billigsten Website und buch mir das.

Markus Herrmann: Das Problem an der Geschichte ist aber, dass ich natürlich irgendwie Sorge tragen muss, dass das über eine vertrauenswürdige Webseite passiert, weil wenn ChatGPT das dann einfach loslegt sozusagen, dann kann ich mir relativ sicher sein, dass man auf einer Betrügerwebsite landet, die das Hotelzimmer oder den Flug 5 Euro billiger anbieten als alle anderen. ChatGPT überweist das Geld dahin und das Geld ist weg und ich habe kein Hotelzimmer, weil es das gar nie gegeben hat.

Markus Herrmann: Und deshalb wird es ja automatisch wieder auf die Websites rauslaufen, die eine Vertrauenswürdigkeit dann tatsächlich ausstrahlen. Das heißt, selbst wenn der Nutzer ChatGPT dann nutzen wird für den ganzen Prozess, wird ChatGPT irgendeine Art von Aktion an den Tag legen, um zu sagen, okay, ich wähle jetzt aus diesen fünf verschiedenen Websites aus, wo ich das machen kann, auf Booking, auf HRS, auf Expedia und so weiter. Und das sind eben wieder die Platzhirsche, die es jetzt schon gibt.

Markus Herrmann: Und letzten Endes wird sich ChatGPT daran orientieren, wer bietet den meisten Content, den meisten Inhalt und wer zahlt am meisten. Und das ist genauso das System, was Google heute anwendet. Also im Endeffekt sind ChatGPT dann einfach nur ein anderer Kanal. Und dementsprechend bin ich da relativ unbeeindruckt beziehungsweise auch für den Endkonsumenten ist es einfach so: Der Vorteil, einfach direkt auf die Website von der Zalando oder von der Booking oder von ImmoScout zu gehen, ist einfach viel, viel größer, weil die alles, was ChatGPT kann im Sinne der sprachlichen Eingabe, ja wenn ich beispielsweise eine Wohnung suche und sage, ich hätte gern aber Parkettboden und sie soll hell sein und noch eine Dachterrasse haben und so weiter, das kann ich ja heute alles genauso eingeben.

Markus Herrmann: Da muss ich nicht mehr irgendwelche Häkchen setzen und hoffen, dass das richtige Kästchen überhaupt dabei ist, das ich auswählen kann. Das alles haben diese ganzen Anbieter ja schon längst auf ihrer Website integriert und noch dazu ist das Layout und alles ja viel, viel besser als eben einfach nur in diesem Feld von ChatGPT. Also ich glaube, da wird sehr, sehr viel heißer gekocht, als es am Ende des Tages gegessen wird. Und ich glaube, diese Anbieter werden groß davon profitieren. Es gibt immer Ausnahmen, wo man sagen muss, ja okay, aber das Unternehmen ist KI-technisch nicht gut aufgestellt oder in der Kategorie, die tatsächlich disruptiert werden kann. Das schauen wir uns alles ganz genau an. Aber bei den Unternehmen, wo wir da investiert sind, da fühle ich mich sehr, sehr gut.

Tom Roth: Also kann man sagen, dass trotz der effizienten Tools es immer noch gute oder große Eintrittsbarrieren gibt, dass sich das jetzt erstmal in vielen Bereichen gar nicht so schnell umswitchen wird, wie wahrscheinlich auch erwartet ist?

Markus Herrmann: Es löst sehr, sehr viel aus, ja, also die Veränderungsgeschwindigkeit ist sehr, sehr hoch, aber man muss immer eben schauen, was war denn, also wenn wir es im Softwarebereich eben rausgreifen, was war denn der Grund, warum ein Softwareunternehmen erfolgreich ist? Ist es, weil man letzten Endes jetzt einfach 80, 90 Prozent schneller codieren, schneller programmieren kann? Das ist jetzt de facto so mit den neuen Tools, die es gibt.

Markus Herrmann: Das heißt, wenn ein Unternehmen einfach nur eine fixe, schlaue Idee hat, in Softwareunternehmen eine gut aussehende Software programmiert hat, die einfach zu benutzen ist und wo der Kunde gesagt hat, ja, da zahle ich halt dann 100, 200 Euro im Jahr für, dann ist das relativ schnell kopierbar. Aber wenn das eben extrem komplex ist, diese ganze Maschinerie dahinter, dann ist es eben sehr, sehr schwer kopierbar, egal wie schnell man programmieren kann. Dann kann man zwar rein theoretisch die Module relativ schnell bauen, aber die Intelligenz dahinter kriegt man eben nicht hin, weil woher soll die KI die Intelligenz haben?

Markus Herrmann: Und dementsprechend ist das eben gar nicht so einfach in manchen Bereichen. Und wie gesagt, in dem ganzen Thema E-Commerce und so weiter hängt es einfach daran, wie sich der Verbraucher verändert. Wenn man natürlich sagt, okay, ich lege mein ganzes Schicksal in die Hand eines KI-Agenten und der macht dann für mich alles und wenn dann mal 2000 Euro für einen Flug flöten gehen, ist mir das egal, und wenn das Geburtstagsgeschenk, das Konzert, die zwei Konzertkarten für was weiß ich, Bruce Springsteen, dann ankommen sollten, aber gar nicht gebucht werden konnten, weil man auf einer Betrügerwebsite gelandet ist, dann ist das auch egal, dann werden einzelne Anbieter ein Problem kriegen.

Markus Herrmann: Aber ich glaube, dass die Hürden für den einzelnen Verbraucher, das eben zu tun, ziemlich hoch sein werden, weil eben ja auch, wie gesagt, der Nutzen von den etablierten Playern tatsächlich auch da ist und die KI dementsprechend auch nutzbar gemacht werden kann.

Tom Roth: Ja, da können wir gespannt sein, was da noch alles passieren wird.

Markus Herrmann: Absolut.

Tom Roth: Dann würde ich sagen, kommen wir schon zur nächsten Rubrik, Aktie des Monats. Ich weiß nicht, wo du anfangen willst. Beim Premium Deutschland oder Dividende?

Markus Herrmann: Ja, machen wir mal Deutschland, weil es auch in das KI-Thema passt. Das, was man vielleicht noch ergänzen muss, ist ja auch: Der Markt spielt das Thema jetzt extrem stark durch oder hat das schon durchgespielt und die Kurse sind ja schon um 30, 40, 50 Prozent in dem Bereich gefallen. Das muss man ja immer mit dazu nehmen. Wir sprechen nicht über Unternehmen, wo man sagt, hm, könnten die disruptiert werden oder nicht, die am Höchstkurs sprechen, sondern wir sprechen über Unternehmen, wo das im Kurs schon vorweggenommen wurde, dass da relativ viel wegbrechen könnte und deshalb sind die jetzt so günstig.

Markus Herrmann: Und diese ganzen Unternehmen, über die ich hier spreche, haben oft ein KGV jetzt mittlerweile von 10, 11, 12. Also da wird suggeriert, die werden gar nicht mehr wachsen. Also Wachstumsunternehmen, die in den letzten 20 Jahren sehr gute Wachstumsraten hatten, werden nicht mehr wachsen. Eines davon ist Springer Nature, das jetzt auch eine Top-5-Position ist im Premium Deutschland und das eben auch in diese KI-Verlierer-Ecke gedrängt wird.

Markus Herrmann: Springer Nature, für all diejenigen, die mal studiert haben und vielleicht sich auch mit dem Thema Promotion und Publikation beschäftigt haben, denen wird der Name was sagen, den anderen wahrscheinlich eher nicht. Und deshalb muss ich auch ein bisschen erklären, wie dieses ganze Modell funktioniert. Das hat nichts mit Axel Springer zu tun, das muss man auch noch dazu sagen. Das ist eine reine Gleichheit der Nachnamen, aber hat nichts mit dem Axel-Springer-Verlag zu tun.

Markus Herrmann: Springer Nature betreibt verschiedene Journals, also das sind quasi Magazine im wissenschaftlichen Bereich und in diesen Journals werden Publikationen gesammelt zu verschiedensten Themen. Also wie funktioniert das? Ein Student, ein Promovierender, ein Professor muss ja jedes Jahr letzten Endes Publikationen veröffentlichen, Forschung betreiben in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, BWL, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie etc. pp.

Markus Herrmann: Und diese Publikationen, die da gemacht werden, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse, die werden dann auf 30, 50 Seiten oder was weiß ich niedergeschrieben und dann müssen die eben veröffentlicht werden, sodass eben die wissenschaftliche Community Zugriff hat auf diese Forschungserkenntnisse und letzten Endes auch den Publizierenden herausfordern kann: Ist das jetzt wirklich neu oder nicht? Und dann gibt es da eben dementsprechend einen Diskurs.

Markus Herrmann: Das ist natürlich die Frage, auf welcher Plattform passiert das überhaupt, dass diese Publikation online gestellt wird? Wer kontrolliert das überhaupt, ob das wissenschaftlich alles korrekt so gemacht wurde, ob die Methoden, die da verwendet wurden, stichhaltig sind und so weiter und so fort. Ob das überhaupt bahnbrechend ist oder nicht, weil man muss sich ja überlegen, es gibt jedes Jahr Millionen von Publikationen und da hat sich eben eine ganze Landschaft geformt von sogenannten Journals.

Markus Herrmann: Das heißt, es gibt für jeden Fachbereich verschiedene Magazine, wo diese Publikationen veröffentlicht werden und diese Magazine sind auch noch geratet. Das heißt, je wichtiger ein Magazin, desto höher ist es eben geratet. Das ist so ähnlich wie im Anleihebereich. Dann gibt es eben zum Beispiel A-geratete, das sind eben die wichtigsten Journals. Wenn man eben dann beispielsweise als Promovierender eine Publikation in einem sogenannten A-Journal veröffentlicht hat, dann ist das schon mal ein kleiner Ritterschlag. Dann weiß man, wow, diese wissenschaftliche Erkenntnis, die da zu Papier gebracht wurde, ist so gut, dass sie es eben in so ein A-Journal geschafft hat. Und dann gibt es eben nach unten dementsprechende Abstufung.

Markus Herrmann: Das heißt, es ist ganz, ganz wichtig, dass man mit seinen Journals eben bei den gut gerateten dabei ist. Und Springer Nature, und jetzt komme ich überhaupt auf das Unternehmen, betreibt eine ganze Reihe von diesen verschiedenen Journals und unter anderem eigentlich das wichtigste naturwissenschaftliche Journal weltweit, das Nature Magazine.

Markus Herrmann: Und jetzt ist es so, dass in der Vergangenheit der Umsatz so generiert wurde, dass diejenigen, die eben die Artikel lesen wollten, die Zeitschrift abonnieren mussten. Also es gibt auch eine physische Zeitschrift, aber ist natürlich dementsprechend alles online. Und derjenige, der publizieren wollte, also von der Universitätsseite her, der musste eben eine kleine Gebühr bezahlen, damit überhaupt dieser ganze sogenannte Review Process angestoßen wurde. Das heißt, dass sich jemand damit beschäftigt hat: Ist das eigentlich alles genauso auch publizierbar, wurden eben die wissenschaftlichen Methoden eingehalten und so weiter.

Markus Herrmann: Da wurden dann auch wiederum externe Professoren eingebunden, die sich dann wiederum das auf die Fahne schreiben konnten, dass sie hier zum Beispiel für das Nature Magazine eben diesen Reviewprozess auch gestalten. Also das ist ein ganzes Ökosystem ineinander. Und Springer Nature sitzt quasi in der Mitte und kassiert Gebühren, ganz plump gesagt, weil sie eben dieses Magazin betreiben.

Markus Herrmann: Und in der Vergangenheit musste der Leser bezahlen, jetzt muss er immer noch bezahlen, aber es verschiebt sich ein Stück weit in Richtung sogenannter Open-Access-Modellierung. Das heißt, man kann jetzt peu à peu immer mehr Artikel umsonst lesen, aber dafür müssen die Publizierenden eben einen höheren Beitrag bezahlen. Also wenn ich eben in dem Journal publizieren will und quasi diesen Qualitätsstempel haben will, dass das alles auch von Qualitätsprofessoren und von dem Qualitätsverlag geprüft wurde, dann muss ich eben mehr bezahlen als in der Vergangenheit.

Markus Herrmann: Und Springer Nature hat mit zig Universitäten weltweit eben schon solche Verträge geschlossen. In Europa eigentlich fast alle Universitäten, die da eben so einen Rahmenvertrag geschlossen haben. Also man hat da überhaupt keinen negativen Einfluss aus diesem Shift in Richtung Open Access und trotzdem wird man aber so behandelt. Und Springer macht eine EBIT-Marge von 28 Prozent. Es ist ein extrem resilientes Geschäftsmodell. Also das kennt keine Krise, selbst in 2009 beispielsweise auch gar kein Impact, weil solange geforscht wird, wird publiziert und dann wird Geld verdient. Und die Universitätsforschung ist eben von der Konjunktur unabhängig.

Markus Herrmann: Das Unternehmen selber wächst 5, 6, 7 Prozent jedes Jahr, hat sehr, sehr starke Cashflows. Und normalerweise würde man sagen, ja, ein Unternehmen mit dem Profil, extrem hohe Marge, starke Cashflows, 5 bis 7 Prozent Wachstum pro Jahr, extrem resilientes Geschäftsmodell, das hat wahrscheinlich ein KGV von 20, 25 mindestens. Und de facto sind wir jetzt bei einem KGV von 11. Und das ist eben krass, weil das eben ein KGV ist, das eher für schlechte Unternehmen herangezogen wird.

Markus Herrmann: Und das sind eben die Chancen, die da entstehen bei den deutschen Nebenwerten, deutschen Small Mid Caps, die dann gleichzeitig noch in diese KI-Ecke oder KI-Verlierer-Ecke reinrutschen. Tatsächlich ist es so, dass Springer Nature sogar von KI profitiert, weil man auch den ganzen Universitäten jetzt diese KI-Tools zur Verfügung stellen kann, um den ganzen Prozess eben des Niederschreibens und so weiter und so fort noch mal zu beschleunigen. Das heißt, meine These ist: Der Output der Universitäten wird durch KI massiv steigen. Das heißt, die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen wird dementsprechend auch noch mal eine Beschleunigung mit sich bringen. Und das wäre auch wiederum sehr, sehr gut für Springer Nature.

Tom Roth: So war sozusagen auch das akademische Umfeld, was ja auch, wie du schon gesagt hast, in den letzten Jahren auch noch mal deutlich angestiegen ist, auch ein ausschlaggebender Punkt, dass das Geschäft auch eigentlich nur noch besser laufen kann, was die Publikation angeht.

Markus Herrmann: Das läuft extrem stark und Springer Nature erschließt sich auch neue Geografien. Also sie sind extrem hohe Marktanteile in Indien beispielsweise, in der Türkei, einer der größten Anbieter in China. Und das sind jetzt Länder, die in der Vergangenheit nicht so viel publiziert haben, die jetzt aber massivst aufkommen. Also auch gerade die Chinesen beispielsweise, wenn ich da an Forschung denke im Pharmabereich, da hatten die in der Vergangenheit nicht viel zu bieten. Die sind eher aufgetreten als Generikahersteller beispielsweise, aber wenn man sich jetzt die Pipeline anschaut an neuen Medikamenten, die gerade in den Forschungsphasen sind, dann haben die die EU schon überholt und sind jetzt drauf und dran, an die Amerikaner ranzurücken. Also das ist unglaublich, was da passiert. Und davon profitiert dann eben ein Unternehmen, das mit der Anzahl der Publikationen Geld verdient.

Tom Roth: Ja, okay. Auch noch gut aus den alten Thesis-Tagen, tatsächlich.

Markus Herrmann: Ja, das glaube ich.

Tom Roth: Dann würde ich sagen, gehen wir mal zum LOYS Premium Dividende. Was hast du uns da mitgebracht?

Markus Herrmann: Genau, da habe ich auch einen Top-5-Titel dabei. Das ist die IG Group. Und IG hat angefangen ursprünglich mal als reiner CFD-Anbieter. Das heißt, ein Unternehmen, das eben im Online-Trading aktiv ist beziehungsweise als Online-Trading-Anbieter für Kunden, die auf allerlei Assetklassen, auf die Bewegung in den Assetklassen, Währungen, Rohstoffe, Aktien und so weiter setzen wollen.

Markus Herrmann: Und man hat sich über die Jahre stark ausgebaut, geografisch auch vom Produktportfolio, bietet jetzt eben auch Aktienhandel an, Optionshandel, Future-Handel, aber eben, wie gesagt, auf allerlei Assetklassen inklusive auch Krypto, was man jetzt in den letzten Jahren dementsprechend platziert hat. Und es ist ein Unternehmen, das eigentlich über die Jahrzehnte immer geliefert hat. Wir kennen das Unternehmen schon sehr, sehr lange. Ich persönlich in meinen Fonds bin schon seit gut 10 Jahren sogar investiert, weil es ein Unternehmen ist, das eben, wie gesagt, auch hier konjunkturunabhängig ist, stärker daran hängt, ob jetzt gerade die Handelsvolumen an den Märkten hoch oder niedrig sind, aber das alles mit einem unterliegenden Wachstum, dadurch dass man sich eben peu à peu immer weiter ausbreitet.

Markus Herrmann: Gleichzeitig verdient man eine sehr, sehr gesunde Marge. 45 Prozent EBIT-Marge. Auch hier extrem starke Cashflows, hat Nettokasse auf der Bilanz, also keinerlei Verschuldung. Und das führt dazu, dass man auch eine sehr aktionärsfreundliche Ausschüttungspolitik betreiben kann. Man hat eine Dividendenrendite von 3,5 Prozent und kauft on top noch mal für 3,5 Prozent jedes Jahr Aktien zurück. Das heißt, der Aktionär bekommt eine 7-Prozent-Ausschüttung, wenn man so will, oder Shareholder Return sozusagen.

Markus Herrmann: Das Unternehmen gibt 7 Prozent seines erwirtschafteten Kapitals jedes Jahr an die Aktionäre zurück in der einen oder anderen Form. KGV von 12, günstige Bewertung. Also das ist wieder so ein schönes Beispiel aus Großbritannien im Mid-Cap-Bereich, wo man sagt, ja, das Wachstumsprofil auf das Unternehmen, 6, 7, 8 Prozent jedes Jahr, im Moment ein bisschen höher sogar, weil natürlich die Handelsvolumen ja gerade durch die Decke gehen an den Märkten. Das hilft dann so einem Unternehmen auch. Und das gepaart mit hohen Margen, solider Bilanz, schöne Ausschüttung, für ein KGV im niedrigen Zehnerbereich ist schon sehr, sehr attraktiv. Und dementsprechend auch zurecht dann unter unseren Top-5-Positionen.

Tom Roth: Jetzt haben wir auch in den letzten Jahren gesehen, dass der ganze Trading-Bereich ja auch sehr hochgekommen ist und es auch noch mal super viel neue Broker gab. Würdest du sagen, dass die IG Group aber da den Vorteil hat, weil die einfach schon so lange am Markt sind oder sind da noch andere Mechanismen, die sie sozusagen von den anderen unterscheiden?

Markus Herrmann: Ja, die Konkurrenz ist da natürlich größer geworden, gerade bei den Privatleuten. Das Besondere bei einer IG, muss man vielleicht noch dazu sagen, ist, dass sie ein bisschen eine andere Kundengruppe im Blick hat. Das ist jetzt nicht so der Trade-Republic- oder Robin-Hood-in-USA-Kunde, der dann sagt: Ja, ich will mal 500 Euro hier und 500 Euro da investieren und dann am besten für 1 Euro oder 0 Euro Tradinggebühr dementsprechend handeln. Sondern IG konzentriert sich dann eher auf die schon semiinstitutionellen Kunden. Das sind dann extrem vermögende Privatkunden, die dann auch einen bestimmten Service haben wollen oder ehemalige Finanzangestellte, die jetzt Daytrading betreiben. Das ist eher die Kundengruppe von IG.

Markus Herrmann: Aber gleichzeitig versucht man jetzt auch mehr und mehr, eben in Richtung der normaleren Kundschaft sich zu positionieren. Man hat ein neues Management, neuen CEO, neuen CFO, die da extrem umtriebig sind, um eben zu sagen: Ja, wir haben eigentlich ja alle Tools, die wir da brauchen, lass uns doch jetzt eher mal auch in die Richtung gehen. Und das hat jetzt auch das Wachstum eben noch mal einen Tick beschleunigt.

Markus Herrmann: Was auch noch ganz interessant ist: Man hat einen sogenannten Strategic Review eingeleitet. Das heißt, man macht sich jetzt tatsächlich Gedanken, na ja, sollen wir das Unternehmen vielleicht sogar verkaufen? Sollen wir uns schlucken lassen von einem noch größeren Finanzinstitut, sollen wir mit jemandem fusionieren? Und diesen Prozess hat man jetzt angestoßen, weil man eben unzufrieden ist auch mit der eigenen Bewertung, weil eben andere Unternehmen in dem Bereich, wie eine Robin Hood, wie eine Interactive Brokers, eToro und wie sie alle heißen, ganz anders bewertet sind, die handeln eben nicht bei einem KGV von 11 oder 12.

Markus Herrmann: Und dementsprechend macht es Sinn für IG zu überlegen, ob jemand anderes von außen vielleicht einen höheren Preis bezahlen würde oder wie man eben den Shareholder Value dementsprechend nach oben treiben könnte. Und das ist eben das, was Großbritannien da auch so auszeichnet, dass die Unternehmen ticken wie die amerikanischen Unternehmen, dass sie sagen, für uns ist dieser Shareholder-Value-Creation-Gedanke, dass ich das Maximale raushole für die Unternehmensanteilseigner, für die Unternehmensbesitzer, das steht eben im Mittelpunkt. Und das ist eben ein gutes Beispiel genau für diese Tendenz.

Tom Roth: Dann können wir wirklich gespannt bleiben, was da noch passiert. Und dann bedanke ich mich auch schon für die Unternehmensbeispiele, aber auch für den Marktüberblick und dann bis zum nächsten Mal, Markus.

Markus Herrmann: Sehr gerne.