Markus Herrmann: UK-Aktien, KI-Verlierer oder Gewinner? Warum Gamma und IONOS Chancen bieten

In der aktuellen Folge von Abseits der Indizes, spricht Markus Herrmann, Portfoliomanager bei LOYS, über die jüngsten Entwicklungen an den Kapitalmärkten, die Volatilität rund um den Iran-Konflikt und die Frage, warum sich viele Aktien aus dem Software-, IT- und Dienstleistungsbereich zuletzt wieder stabilisiert haben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem britischen Aktienmarkt. Markus Herrmann erläutert, warum Großbritannien trotz Brexit, politischer Unsicherheit und langjähriger Mittelabflüsse für fundamental orientierte Investoren interessant bleibt. Im Fokus stehen dabei die ausgeprägte Börsenkultur, aktionärsfreundliche Unternehmensführung, Dividenden, Aktienrückkäufe und mögliche Übernahmeaktivitäten – insbesondere im Nebenwertebereich. Darüber hinaus geht es um die aktuelle KI-Debatte: Viele Unternehmen wurden pauschal als potenzielle KI-Verlierer eingeordnet. Markus Herrmann zeigt anhand konkreter Beispiele, warum diese Einschätzung aus seiner Sicht differenziert betrachtet werden muss. Aktie des Monats – Gamma Communications – ein britischer Anbieter für Cloud-Telefonie und Telekommunikationslösungen mit stabilem Geschäftsmodell, strukturellem Wachstum und möglichem Übernahmeinteresse. Weitere Aktie – IONOS – europäischer Marktführer für Website-Erstellung, Hosting und Domains, der aus Sicht des Fondsmanagements zu Unrecht als KI-Verlierer bewertet wird und durch neue KI-Anwendungen zusätzliche Wachstumschancen erschließen kann.

00:27 - Marktüberblick
16:30 - Inflation bleibt weiterhin bestehen?
19:50 - Aktie des Monats

Podcast-Transkript

Tom Roth: Hallo und herzlich willkommen zu einer weiteren Folge unseres Podcasts. Ich sitze hier heute wieder mit Markus Herrmann zusammen. Hi Markus.

Markus Herrmann: Hi Tom.

Tom Roth: Bevor wir zu den Aktien des Monats gehen, machen wir ja immer noch einen kleinen Marktüberblick. Wie hast du denn so den Markt in den letzten Wochen mitbekommen? Man hat ja teilweise auch gesehen, dass es wieder einen gewissen Aufschwung und Rückenwind gab. Wie ist es aus deiner Sicht gewesen?

Markus Herrmann: Ja, letzten Endes viel Volatilität, die natürlich jeder dann auch gesehen hat an den Märkten. Erst die Ängste aus dem Iran-Konflikt, schnell wieder Euphorie, dass man sich dann doch annähert. Das Schöne, wenn man das so betiteln will, an dem Konflikt ist ja, dass man eigentlich weiß, dass keine Seite den Konflikt ewig aufrechterhalten möchte oder kann.

Die Amerikaner haben natürlich die Midterm Elections im Hinterkopf, die im November stattfinden, wo dann eben gerade die Republikaner ihre Stammwählerschaft nicht verkraulen möchten, indem jetzt die Amerikaner Inflation bekommen durch den höheren Ölpreis. Jetzt beginnen dann die Sommerferien demnächst in den USA. Da werden dann einige Amerikaner auch wieder gerne verreisen und wenn dann die Spritpreise an den Zapfsäulen hoch sind oder die Flugpreise hoch, weil das Kerosin so teuer ist, dann kommt das nicht gut an bei der Wählerschaft.

Das heißt, die Amerikaner wollen keinen ewigen Krieg und auch die Iraner wollen keinen ewigen Krieg. Sie haben ja den Krieg sowieso nicht angefangen und sind auch darauf angewiesen, dass sie eben ihr Öl exportieren können, auch durch die Straße von Hormus, die jetzt momentan blockiert ist von beiden Seiten.

Das heißt, ich gehe nach wie vor davon aus, dass sich die zwei Parteien demnächst einigen werden und das ist auch letzten Endes die Marktsicht. Ab dem Punkt, wo man quasi gesehen hat, aha, die beiden reden miteinander, da gibt es Gespräche, war klar, irgendwann wird es dann auch wahrscheinlich zu einer Einigung kommen.

Aber es ist alles zäher, als man gedacht hat bzw. was man vielleicht gehofft hat und dementsprechend ist eben auch die Volatilität beim Ölpreis zu interpretieren und auch die Volatilität beim Gesamtmarkt.

Tom Roth: Also sehen wir da immer noch deutliche Schwankungen. Wir haben ja beim letzten Mal auch uns so ein bisschen die verschiedenen Branchen vor allem jetzt in Bezug auf KI angeschaut – Softwaresektor, IT-Dienstleister. Hat sich da in dem Zeitraum noch etwas getan? Jetzt auch vielleicht unabhängig vom Iran-Krieg?

Markus Herrmann: Ja, kurstechnisch zumindest hat sich das Ganze etwas stabilisiert. Das ist gut, weil viele Anleger die Bedenken hatten, dass sie eben nicht ins fallende Messer greifen wollen. Wenn natürlich die Kurse wöchentlich fünf Prozent nach unten durchgereicht werden, wie eben in diesen Subsektoren, dann scheuen sich die meisten Anleger davor zuzugreifen.

Sobald sich das stabilisiert und man dementsprechend auch wieder ein bisschen konstruktiver auf das Ganze schaut, können sich manche dann doch erwärmen zu sagen, die Bewertungen sind jetzt eigentlich ganz attraktiv. Dann kommt auch die eine oder andere gute Zahlenvorlage, zum Beispiel bei SAP. Das war ja so eine ganz prominente Aktie, die unter die Räder gekommen ist, wo die Unkenrufe dann sehr laut wurden bezüglich des Abgesangs auf SAP.

Dann hat man ein erstes Quartal des Jahres geliefert, das über den Erwartungen lag und auch generell aus meiner Sicht eine sehr starke Message gegeben. Und dann liest man plötzlich wieder Artikel von wegen „die Wiederauferstehung von SAP“ und „es geht doch alles weiter“ und „gut aufgestellt“.

Da wird halt immer sehr stark extrapoliert und schwarz-weiß gesehen. Das ist ja genau das, wofür wir antreten – eben das Ganze nicht nur schwarz oder weiß zu sehen, sondern zu unterscheiden je nach Geschäftsmodell, je nach Unternehmen, wie man da eben aufgestellt ist.

Wir sehen nicht nur bei SAP gute Zahlen, sondern generell in dem Sektor einige Unternehmen, die sehr positive Zahlen vorgelegt haben. Und was noch wichtiger ist: auch einen positiven Ausblick für die nächsten Jahre und gezeigt haben, wie sie die KI für sich einsetzen können und warum sie gleichzeitig von KI nicht disruptiert werden oder von neuen Möglichkeiten, die dadurch entstehen.

Das ist ja genau das Thema, worauf wir hingewiesen haben – dass es eben viele Unternehmen gibt, die jetzt in diesen Verlierertopf reingeschmissen wurden, die aber de facto sogar KI-Gewinner sind. Nur sind eben deren Aktienkurse jetzt 40 bis 50 Prozent günstiger geworden und das ist für fundamentale Investoren wie uns natürlich eine sehr schöne Sache und dementsprechend auch für unsere Kunden, wenn es dann um die Performancepotenziale in den nächsten Jahren geht.

Tom Roth: Siehst du da großes Investitionspotenzial und dass sich die Marktangst da auch wieder ein bisschen gelegt hat? Was ich ganz gerne mit dir mal machen würde: Du bist ja auch mit dem LOYS Premium Dividende stark im UK-Aktienmarkt investiert und da würde ich vielleicht gerne mal auf den allgemeinen Aktienmarkt eingehen, wie der eigentlich aufgebaut ist, weil der sich ja doch fundamental auch teilweise zum europäischen oder zum US-Aktienmarkt unterscheidet und wir haben natürlich nach dem Brexit auch höhere Mittelabflüsse gesehen. Willst du da vielleicht mal einen gewissen Überblick und eine gewisse Struktur aufweisen?

Markus Herrmann: Ja, gerne. Vielleicht als Hintergrundinformation: Im LOYS Premium Dividende, wo wir europaweit tätig sind oder ich sage mal im westlichen und Mitteleuropa – das, was von STOXX und MSCI als Developed Markets definiert ist – da sind wir aktiv und suchen Unternehmen, die sich auszeichnen durch solide Bilanzen, stetig steigende Erträge und vor allem stetig steigende Dividenden.

Wenn man das so ein bisschen runterbrechen möchte, wie die europäische Börsenlandschaft dann aufgestellt ist, dann fällt als allererstes – und dann kommt eben das Thema Großbritannien ins Auge – dass fast jedes dritte Unternehmen, das in Europa an der Börse gelistet ist, aus Großbritannien stammt.

Das wissen die wenigsten Anleger, denn die Wirtschaft von Großbritannien repräsentiert ja nicht unbedingt ein Drittel der Wirtschaftsleistung Europas oder Westeuropas. Aber es herrscht dort einfach eine ganz andere Börsenkultur als in anderen Ländern.

In Deutschland beispielsweise wissen wir ja alle: Es gibt extrem viele familiengeführte Unternehmen, Hidden Champions, privat gehaltene Unternehmen – gar nicht so sehr viele gelistete Unternehmen an der deutschen Börse, leider, weil die Börsenkultur in Deutschland einfach nicht so sehr ausgeprägt ist.

In den angelsächsisch geprägten Märkten wie Großbritannien oder auch in den USA ist das völlig anders. Da ist es ganz normal, dass ein Unternehmen im Laufe seiner Zeit, wenn es eben eine gewisse Größe erreicht, dann auch an den Aktienmarkt kommt und dass die Leute auch diese Aktien von diesen Unternehmen dort kaufen.

Deshalb ist es für uns auch ganz wichtig, dadurch dass wir uns der Gesamtheit bedienen wollen der europäischen Aktienlandschaft, dass wir eben die Länder gleich behandeln. Deshalb sind wir auch in Großbritannien dann so groß investiert.

Seit dem Brexit-Referendum haben wir in Großbritannien eigentlich permanente Mittelabflüsse zu verzeichnen bei den dortigen Fonds, die Aktien halten, weil einfach viele internationale Investoren gesagt haben: „Mit dem Brexit ist das so unsicher.“

Diese Mittelabflüsse haben dann dazu geführt, dass wir im Prinzip eine völlige Verzerrung des Angebots und der Nachfrage nach Aktien gesehen haben und dementsprechend auch bezüglich der Preisfindung.

Für einen fundamental orientierten Investor ist das natürlich eine schöne Sache, wenn plötzlich ein Vermögensgegenstand wesentlich günstiger angeboten wird, als das eigentlich gerechtfertigt wäre.

Was mir besonders gut gefällt in Großbritannien ist nicht nur, dass man die Aktien jetzt günstig haben kann, sondern die Unternehmen, die dort agieren, haben qua des Managementansatzes eine ganz andere Denke als beispielsweise in anderen europäischen Ländern.

Die britischen Manager bekommen schon an der Universität vermittelt, dass man ein Unternehmen für seine Eigentümer führen muss. Dementsprechend versucht man eben den Gewinn, den man erzielt, auch aktionärsfreundlich einzusetzen.

Und das zeigt sich dann eben auch bei Dividenden und Aktienrückkäufen. Genau das möchten wir ja im LOYS Premium Dividende.

Tom Roth: Dann würde ich sagen, gehen wir mal zu unserer Rubrik Aktie des Monats und wir haben ja jetzt auch gerade so schön über UK gesprochen. Deswegen können wir ja gerne mal beim Dividende starten. Was hast du uns da heute mitgebracht?

Markus Herrmann: Ja, da habe ich die Gamma Communications mitgebracht. Gamma ist ein britisches Unternehmen aus dem Telekommunikationsbereich. Man verkauft für andere Unternehmen Telekomdienstleistungen und zwar Internet- und Cloudtelefonie.

Gamma ist Marktführer in Großbritannien bei Unternehmenskunden und der nächste Schritt, der jetzt gerade im Gange ist, ist der Umstieg von Internettelefonie auf Cloudtelefonie.

Das Geschäft ist per se robust und weitestgehend unabhängig von der Konjunktur. Gleichzeitig haben wir ein strukturelles Wachstum aufgrund der Konversion von Analog- zu Internet- zu Cloudtelefonie.

Das Unternehmen erzielt hohe Margen, rund 20 Prozent EBIT-Marge, und ist genau so aufgestellt, wie man sich ein Qualitätsunternehmen wünscht. Früher war Gamma ein absoluter Liebling an der Börse und man hat dafür ein KGV von 20 bis 25 bezahlt.

Jetzt, durch die ganze Situation in Großbritannien, haben wir für das gleiche Unternehmen nur noch ein KGV von 9. Das ist eigentlich eine Bewertung für Unternehmen ohne Wachstum oder mit Bilanzproblemen – trifft bei Gamma aber überhaupt nicht zu.

Mittlerweile gab es sogar mehrere Übernahmeinteressenten und Gamma hat offiziell bestätigt, dass Gespräche geführt werden. Das zeigt eben, wie attraktiv diese Unternehmen bewertet sind.

Tom Roth: Dann lass uns noch auf Deutschland schauen. Was hast du uns da heute mitgebracht?

Markus Herrmann: Auch hier ein aus unserer Sicht unterbewertetes Unternehmen – nämlich IONOS. IONOS ist Marktführer in Europa für Websiteerstellung und Website-Hosting.

Die typischen Kunden von IONOS sind kleinere Unternehmen, die eine professionelle Website brauchen, aber nicht unbedingt eine Agentur beauftragen möchten.

Der Aktienmarkt hat dann natürlich gesagt: „Wenn KI jetzt Websites programmieren kann, dann wird IONOS komplett disruptiert.“ Aber was unterschätzt wird, ist, dass IONOS ein ganzes Komplettpaket anbietet.

Es geht nicht nur um die Websiteerstellung. Man braucht Domains, Hosting, E-Mail-Adressen und vor allem einen verlässlichen Anbieter mit Support und Infrastruktur.

Das alles bietet IONOS und die eigentliche Websiteerstellung macht nur einen kleinen Teil der Wertschöpfung aus. Gleichzeitig entwickelt IONOS jetzt sogar eigene KI-Produkte wie einen KI-Rezeptionisten.

Das Unternehmen wächst mittel- bis hoch einstellig, erzielt über 30 Prozent EBIT-Marge und wurde trotzdem massiv abgestraft, weil es in den KI-Verlierertopf geworfen wurde.

Genau das sind für uns die interessanten Situationen: qualitativ hochwertige Unternehmen mit starken Marktpositionen, die aufgrund kurzfristiger Ängste massiv günstiger geworden sind.

Tom Roth: Dann bedanke ich mich auch schon für die ganzen Einblicke heute Markus und freue mich dann bis auf den nächsten Podcast.

Markus Herrmann: Ich mich auch. Danke.