Markus Herrmann: Berichtssaison, KI-Abverkauf und Value-Chancen bei Adesso & Nynomic

In der aktuellen Folge von Abseits der Indizes, spricht Markus Herrmann, Portfoliomanager bei LOYS, über die laufende Berichtssaison und die Frage, warum viele Unternehmen trotz geopolitischer Unsicherheit, Iran-Konflikt und zurückhaltender Investitionen operativ besser abschneiden als erwartet. Besonders im Fokus stehen Software-, IT-Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen, die zuletzt häufig pauschal als vermeintliche KI-Verlierer eingeordnet wurden. Markus Herrmann erläutert, warum sich bei vielen dieser Unternehmen nun ein differenzierteres Bild zeigt: solide Zahlen, angehobene Prognosen, günstige Bewertungen und die zunehmende Erkenntnis, dass Künstliche Intelligenz nicht automatisch jedes Geschäftsmodell disruptiert. Gleichzeitig ordnet er den jüngsten Abverkauf hoch bewerteter KI-Aktien ein und erklärt, warum der Übergang von Investition zu Spekulation für Anleger ein zentrales Risiko bleibt.

00:27 - Marktüberblick und Berichtssaison
09:40 - KI-Gewinner, KI-Verlierer und Value Investing
18:30 - Aktien des Monats

Podcast-Transkript

Tom Roth: Hallo und herzlich willkommen zu einer weiteren Folge unseres Podcasts. Heute wieder mit Markus Herrmann hier im Frankfurter Büro. Hi Tom.

Markus Herrmann: Hi Tom.

Tom Roth: Ich würde sagen, wir gehen erstmal zum allgemeinen Marktüberblick, bevor wir auf die Einzelaktien kommen. Wir sind ja auch gerade in der Reporting Season und da würde mich vielleicht mal interessieren: Was hast du denn jetzt so mitbekommen? Wir hatten ja auch die letzten Male immer über Software, IT-Dienstleister und Beratungsunternehmen geredet, die ja eigentlich gute Zahlen hatten, aber trotzdem in die Verliererecke gerückt wurden. Was hast du da jetzt so mitbekommen?

Markus Herrmann: Ja, wir sind jetzt noch mittendrin in der Berichtssaison. Noch nicht alle Unternehmen haben berichtet, aber doch schon einige, sodass man eigentlich ein ganz gutes Bild haben kann, wie die Situation momentan dargestellt wird.

Markus Herrmann: Zum Ersten muss man sagen: Die Wirtschaft läuft aus meiner Sicht überraschend gut. Man hätte ja denken können, durch den ganzen Iran-Konflikt und dieses Hin und Her, dass die Visibilität gering ist, was sie ja auch de facto ist, und dass die Unternehmen sich vielleicht erstmal zurückhalten mit Investitionsentscheidungen. Das sehen wir auch, aber nicht in der Breite. Ich habe eher das Gefühl, dass die Wirtschaft momentan wieder richtig anläuft.

Markus Herrmann: Die jüngsten PMI, die Einkaufsmanagerindizes, waren jetzt auch sehr gut, gerade auch für Deutschland muss man sagen. Die deutsche Industrie läuft wieder besser. Das stimmt mich schon sehr, sehr zuversichtlich und das kommt auch bei den Unternehmen durch. Viele Unternehmen haben wir momentan dabei, die ihre Guidance sogar angehoben haben, die optimistischer sind als noch zu Jahresbeginn.

Markus Herrmann: Bei vielen war damals der Iran-Konflikt noch gar nicht absehbar, als sie die Guidance gegeben haben für das Gesamtjahr. Insofern ist das schon bemerkenswert, dass es doch ganz gut läuft. Ich denke, wenn irgendwann der Iran-Konflikt tatsächlich mal ad acta gelegt wird, dann sehen wir einen weiteren Boost.

Markus Herrmann: Also nach jahrelangem zähem Dahinsiechen, gerade in der Industrie und auch bei vielen IT-Dienstleistern, wo die Wachstumsraten nicht mehr so gut waren wie in der Vergangenheit, weil sie natürlich auch viele Industriekunden hatten, die sich mit Investitionen zurückgehalten haben, sehen wir, dass es da jetzt wieder besser wird. Das stimmt mich schon sehr zuversichtlich.

Markus Herrmann: Und speziell eben bei den sogenannten KI-Verliereraktien beziehungsweise bei den Unternehmen, die eben in diese Körbe, in diese Schubladen einsortiert werden, sehen wir zu 90 Prozent gute Ergebnisse. Denn das sind eigentlich ja auch gute Unternehmen, das ist ja das Schöne. Wir müssen gar keine Abstriche machen bei der Qualität, sondern die meisten dieser Unternehmen sind einfach permanente Wachstumsbringer, die sich bei guten Margen nach vorne entwickeln.

Markus Herrmann: Das haben wir bei den allermeisten Unternehmen jetzt auch wieder in diesem Quartal gesehen und erwarten das auch für die nächsten Quartale beziehungsweise für die Unternehmen, die noch nicht berichtet haben. Ganz einfach auch, weil der wirtschaftliche Rückenwind da natürlich hilft.

Markus Herrmann: Und wenn dann gute Unternehmensergebnisse auf eine sehr günstige Bewertung und viel Substanz treffen und dann auch noch auf die aus meiner Sicht bei vielen Investoren zunehmende Erkenntnis, dass dieses Schwarz-Weiß-Denken – KI-Gewinner, KI-Verlierer – vielleicht nicht so ganz realitätsgetreu ist, sondern dass es sehr, sehr viele Graustufen gibt und viele, die eben in diese KI-Verlierer-Schublade einsortiert wurden, gar keine KI-Verlierer sind oder nur minimal belastet sind und dann trotzdem 50 Prozent an Börsenwert verloren haben, dann reift diese Erkenntnis momentan aus meiner Sicht.

Markus Herrmann: Diese Erkenntnis wird auch Quartal für Quartal weiter reifen. Je mehr die Unternehmen sich darstellen können oder mit der Thematik beschäftigen können, je mehr sie dem Aktienmarkt zeigen können, dass diese Vorurteile – und man muss ja sagen, es gibt an den wenigsten Stellen tatsächlich valide Argumentationsketten, sondern es wird sehr, sehr viel über einen Kamm geschert – eben über gute Zahlen entkräftet werden. Das sehen wir jetzt peu à peu, aber wir sind noch ganz am Anfang dieser Reise.

Markus Herrmann: Viele Long-only-Investoren, also traditionelle Fondsmanager, haben sich aus dem Bereich verabschiedet und gesagt: Das ist mir zu unsicher für die nächsten Jahre. Ich kann das nicht einschätzen, inwiefern das disruptiert wird oder nicht. Das heißt, der sogenannte Pain Trade, also die Bewegung, die quasi die meisten auf dem falschen Fuß erwischen würde, ist bei diesen Aktien ganz klar nach oben, weil eben die Masse der normalen Anleger, der normalen Fondsmanager, hier gar nicht mehr investiert ist.

Tom Roth: Du hast jetzt gerade angesprochen, da findet so ein bisschen eine Art Switch statt. Ich weiß noch, in der letzten Folge haben wir ja auch über das IPO von SpaceX gesprochen und kurz danach gab es ja auch einen relativ starken Abverkauf. Jetzt letzte Woche war eine ganz bekannte Story mit Leopold Aschenbrenner, der mit seinem Hedgefonds ja genau diesen Weg gegangen ist. Also eigentlich long KI-Unternehmen und short Softwareunternehmen. Zeigt sich da auch so ein bisschen, dass vielleicht der Investitionsansatz jetzt mehr aufs Value Investing geht und sich zeigt, dass man eher auf die soliden Unternehmen mit soliden Zahlen schaut?

Markus Herrmann: Das wäre zu wünschen, wenn das natürlich weiter so läuft. Aber genau das hatten wir ja in der letzten Folge, die wir aufgenommen haben, besprochen: dass in diesem ganzen KI-Gewinnerbereich sehr, sehr viel Fantasie mittlerweile in den Kursen gepreist ist. Bei manchen Aktien mehr, bei manchen Aktien weniger. Wir hatten SpaceX herausgegriffen als Aktie, wo man sagen muss, da ist auf jeden Fall sehr, sehr viel Fantasie eingepreist.

Markus Herrmann: Und das ist immer dann der Punkt, wo Investition zu Spekulation wird. Also je weiter ich mich aus dem Fenster lehnen muss, um sehr, sehr heftige Annahmen zu treffen, wie gut es einem Unternehmen in Zukunft gehen wird, damit ich noch auf den aktuellen Börsenwert komme, desto mehr bewege ich mich natürlich in den Bereich der Spekulation.

Markus Herrmann: Sobald diese Spekulation beziehungsweise der Boden der Spekulation brüchig wird, kann es natürlich extrem schnell nach unten gehen bei diesen Aktien. Und es stand ja schon förmlich an die Wand geschrieben, dass diese extrem positiven Kursverläufe der KI-Aktien auch mit Hilfe von viel gehebeltem Geld zustande gekommen sind.

Markus Herrmann: Viele quantitative Strategien sind einfach nur Momentumstrategien und haben dann darauf gesetzt. Es gab diese oder gibt diese gehebelten ETFs auf Einzelaktien, die enorme Summen angezogen haben. Es gibt Beispiele wie Herr Aschenbrenner, der das Ganze dann angeblich viermal gehebelt gespielt hat, dann noch die Softwareaktien dagegen geshortet hat. Es war alles bekannt, dass dieses gehebelte Geld den Markt in dem Bereich nach oben treibt. Der Hebel funktioniert aber natürlich auch nach unten.

Markus Herrmann: Wenn das eben schiefläuft, wenn es in die falsche Richtung läuft, dann haben wir in sehr kurzer Zeit dementsprechend heftige Kursbewegungen auch nach unten. Genau das haben wir in den vergangenen Wochen gesehen, als viele der Highflyer dann innerhalb von drei, vier Wochen 40 bis 50 Prozent verloren haben, was natürlich massive Bewegungen sind.

Markus Herrmann: Ich habe ja schon letztes Mal gesagt, ich will mich gar nicht so weit aus dem Fenster lehnen und sagen, die KI-Aktien sind alle überbewertet. Das wird man sehen in einigen Jahren. Ich sage nur: Diese Unternehmen erwirtschaften momentan eine Rendite mit ihren Produkten, die weit über dem liegt, was wir in der Vergangenheit gesehen haben. Insofern muss man die Annahme treffen, dass das ebenso weitergeht oder auch noch gesteigert werden kann.

Markus Herrmann: Das heißt, wir fliegen schon sehr, sehr hoch und wir glauben, wir gehen jetzt noch mal ein paar Level darüber. Da sind wir eben wieder im Bereich der Spekulation, weniger in der Investition.

Markus Herrmann: Und genau das Gegenteil sehen wir eben bei den sogenannten KI-Verlierern, wo wir weiterhin die Qualität haben, wo wir die Substanz haben, wo die Unternehmen gute Ergebnisse liefern, wo sie sich anpassen an die KI, die KI für sich nutzen und dann auch als KI-Gewinner daraus hervorgehen werden bei den meisten Unternehmen.

Markus Herrmann: Diese Unternehmen sind momentan zu einem Abschlag zum historischen Multiple, zum historischen Gewinnvielfachen zu haben. Und was wir jetzt auch in den letzten Wochen gesehen haben, ist, dass bei der einen oder anderen Aktie das Zucken nach oben angefangen hat. Aber auch da: Wenn man sich die Charts anschaut, sind wir noch sehr, sehr am Anfang dieser ganzen potenziellen Rallye nach oben.

Tom Roth: Jetzt hattest du ja im letzten Monat auch mit dem LOYS Premium Deutschland und LOYS Premium Dividende eine sehr, sehr gute Performance geliefert. Ist das größtenteils darauf zurückzuführen, weil du gesagt hast, da sieht man die Kurse steigen? Oder was sind da noch für Faktoren gewesen, die jetzt vor allem im letzten Monat mit reingespielt haben?

Markus Herrmann: Ja, wir hatten tatsächlich einen sehr guten Monat in beiden Fonds. Wir haben uns auch auf Monatssicht an die Spitze der Peergroup gesetzt. Das ist nur ein Monat, das schießt natürlich jetzt noch nicht den Vogel ab, das ist mir bewusst. Aber es ist schön, so einen Monat zu haben, wo man eben dann auch sieht: Okay, die eine oder andere Idee ist gut aufgegangen, auch verknüpft mit guten Unternehmenszahlen. Das ist ja immer das Wichtige.

Markus Herrmann: Ein Unternehmen liefert Ergebnisse, der Kurs steigt, dann ist das auch fundamental absolut herzuleiten. Darum geht es ja. Das ist ja dann die tatsächliche Frucht unserer Arbeit. Wir schauen uns die Unternehmen an, wir analysieren die Zahlen, wir sprechen mit den Managern der Unternehmen. Und wo wir eben Chancen sehen aufgrund von Unterbewertung, da investieren wir.

Markus Herrmann: Wenn dann gute Zahlen vorgelegt werden, die dem Markt signalisieren: Schau dahin, da tut sich was, die Unternehmen sind auch noch günstig bewertet, dann kaufen eben Leute oder mehr Leute diese Aktie. Und das ist genau das, woraus wir dann die Rendite ziehen.

Markus Herrmann: So ist es dann im Prinzip, dass viele Unternehmen jetzt im Fonds schon gute Ergebnisse geliefert haben, das eine oder andere Unternehmen auch seine Prognose angehoben hat. Dann haben sich die KI-Verlierer ein Stück weit erholt, aber wirklich nur in geringem Rahmen.

Markus Herrmann: Und wir hatten auch in Großbritannien die Situation, dass eben – ich habe es letztes Mal schon angesprochen – die Mittelflussbewegung bei den britischen Fonds, die ja massive Abflüsse zu verkraften hatten in der Vergangenheit, sich peu à peu wieder an die Nullgrenze heranbewegt. Wir hatten jetzt den einen oder anderen Monat sogar auch mit positiven Mittelflüssen. Das hatten wir schon drei, vier Jahre nicht mehr in dem Bereich.

Markus Herrmann: Das führt natürlich dazu, dass dieser Deckel, der über den britischen Small- und Mid-Cap-Aktien lag, der durch die permanenten Mittelabflüsse und Verkäufe bei diesen Aktien entstanden ist, sich etwas anhebt. Und wenn der Deckel sich anhebt, dann springen die Kurse ein Stück weit näher an den fairen Wert. Wir sind da immer noch weit von entfernt, aber das sind alles solche Faktoren. Wenn die zusammenspielen, dann kann es für die beiden Fonds natürlich sehr, sehr weit gehen.

Tom Roth: Wenn wir schon mal bei deinen Fonds sind, würde ich sagen, gehen wir auch einfach schon direkt in die Einzelaktien. Wir können ja gerne mit dem LOYS Premium Dividende anfangen. Was hast du uns denn da mitgebracht?

Markus Herrmann: Da habe ich eine interessante Aktie mitgebracht namens Adesso aus Deutschland. Die haben wir auch in beiden Fonds, sowohl im LOYS Premium Deutschland als auch im LOYS Premium Dividende.

Markus Herrmann: Was wir da ganz speziell gesehen haben, ist – was wir noch nicht diskutiert hatten – zwei interessante Übernahmen, die in Deutschland stattgefunden haben beziehungsweise angekündigt wurden und jetzt auf den Weg gebracht wurden im Bereich der IT-Dienstleister von mittelständischen Unternehmen.

Markus Herrmann: Das eine war ein Unternehmen namens Nagarro. Die sind weltweit tätig, haben aber sehr, sehr viel Deutschland-Exposure. Die haben ein Übernahmeangebot von einem indischen Unternehmen bekommen, das sich in Deutschland gut aufstellen möchte, das hier eine gute Marktposition innehaben möchte und eben über diese Akquisition dieses Ziel auch erreicht.

Markus Herrmann: Das zweite Unternehmen, das wir im Fonds hatten, im LOYS Premium Deutschland, ist die All for One Group. Das ist einer der führenden SAP-Dienstleister. Also ein Unternehmen, das Kunden, Industriekunden, bei der SAP-Implementierung hilft, also bei der Einführung, beim SAP-Training, bei der Weiterentwicklung, beim Verkauf von Modulen – alles rund um das Thema SAP.

Markus Herrmann: Auch dieses Unternehmen hat ein Übernahmeangebot bekommen von einem französischen Unternehmen, das eben seine Deutschlandposition ausbauen möchte. Und das Interessante ist nicht nur, dass diese beiden Unternehmen übernommen wurden beziehungsweise in diesem Prozess sind, sondern das Interessante ist die Übernahmeprämie.

Markus Herrmann: Beide Unternehmen waren nämlich recht günstig bewertet, weil sie auf Deutschland fokussiert sind, viele Industriekunden haben und man sich vorstellen kann, dass es in den letzten Jahren nicht besonders gut gelaufen ist. Beides sind mittelständische Unternehmen, das heißt recht klein, waren jetzt auch nicht verwöhnt von Mittelzuflüssen in die Aktien und beide sind im IT-Dienstleistungsbereich zu Hause.

Markus Herrmann: Das war eben ein Bereich, der in diese KI-Verlierer-Schublade gesteckt wurde. Nimmt man alle drei Dinge zusammen, kann man sich vorstellen, dass die Performance dieser zwei Aktien nicht gut war, die Bewertung recht günstig. Und die Übernahmeprämien, die jetzt im Raum stehen für diese Aktien, sind nahezu 100 Prozent. Das heißt, ausländische Unternehmen sind bereit, für diese deutschlandlastigen Mittelständler eine Prämie von fast dem Doppelten des letzten Aktienkurses zu zahlen – und zwar quasi über Nacht.

Markus Herrmann: Da haben wir natürlich im LOYS Premium Deutschland stark von der All-for-One-Übernahme profitiert. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Who is next? Wer ist der Nächste? Wer könnte noch übernommen werden?

Markus Herrmann: Adesso ist, sage ich mal, vom Profil her recht ähnlich zu den beiden anderen Unternehmen. Auch hier haben wir einen IT-Dienstleister, der vor allem in Deutschland tätig ist, zu circa 90 Prozent hier in Deutschland, und eine marktführende Stellung innehat. Also Adesso ist der größte deutsche IT-Dienstleister, hat viele Versicherungen als Kunden, Banken, öffentliche Auftraggeber, gesetzliche Krankenkassen, aber auch viele Industrieunternehmen. Adesso ist extrem gut aufgestellt.

Markus Herrmann: Adesso ist auch einer der Sponsoren von Borussia Dortmund. Für alle Dortmund-Anhänger, Schalke-Anhänger bitte weghören. Das Unternehmen ist da auch sehr präsent. Es ist kein kleines Unternehmen, aber trotzdem im mittelständischen Bereich extrem gut vernetzt bei allen relevanten Kunden.

Markus Herrmann: Die Aktie hat massiv verloren in den letzten Jahren, ungefähr drei Viertel des Marktwertes eingebüßt. Das Unternehmen hatte zwischenzeitlich auch mal etwas Margenprobleme, wobei sich das jetzt erholt. Adesso legt immer mehr Wert auf das Wachstum als auf die kurzfristige Marge. Das ist einfach deren Unternehmensphilosophie. Es hat dadurch aber auch geschafft, zum größten IT-Dienstleister in Deutschland zu werden.

Markus Herrmann: Und wenn man jetzt vergleicht, zu was eine All for One oder eine Nagarro übernommen wurden, dann sprechen wir hier auch im Vergleich zu den Adesso-Bewertungskennziffern von Aufschlägen von 50 bis 100 Prozent. Aus meiner Sicht wäre Adesso ein absolut geeigneter Übernahmekandidat für ausländische Unternehmen, die eben in Deutschland Fuß fassen wollen.

Markus Herrmann: Aber es liegt natürlich immer dann auch an den Unternehmenseignern zu verkaufen beziehungsweise verkaufen zu wollen. Auf Englisch sagt man ja: It takes two to tango. Es braucht immer zwei zum Tango tanzen. Das sehe ich vielleicht als das Hindernis einer solchen Übernahme, dass die Unternehmenseigner nicht unbedingt das Unternehmen jetzt verkaufen wollen. Da bin ich mir aber nicht so sicher.

Markus Herrmann: Insofern ist es ein ganz interessantes Unternehmen. Wenn sich dann auch die Wirtschaft in Deutschland wieder ein Stück weit erholt und das Unternehmen mit der ganzen KI-Disruption gut umgehen kann, was momentan auch so zu klappen scheint, dann haben wir hier aufgrund des historischen Kursverfalls eine sehr, sehr interessante Gelegenheit.

Tom Roth: Was hast du uns noch für den LOYS Premium Deutschland mitgebracht?

Markus Herrmann: Für den LOYS Premium Deutschland habe ich noch eine andere Aktie mitgebracht, wo, sage ich mal, unser Verhalten mit dieser Aktie ganz gut zeigt, wie wir mit den ganzen Kursschwankungen umgehen. Und zwar ist das ausnahmsweise jetzt mal keine Aktie aus der KI-Verlierer-Schublade, sondern aus der KI-Gewinner-Schublade – ein kleines Unternehmen namens Ninomic.

Markus Herrmann: Ninomic hatten wir in der Vergangenheit schon im LOYS Premium Deutschland. Ninomic stellt photonische Sensoren her für viele verschiedene Bereiche, wo aufgrund von Lichttechnologie beziehungsweise lichtbasierter Technologie verschiedenste Dinge gemessen werden: Abstände, Materialbeschaffenheit, Dichte etc. pp.

Markus Herrmann: Diese Sensoren werden beispielsweise in der Landwirtschaft eingesetzt, bei Mähdreschern oder Traktoren, die übers Feld fahren und dann messen müssen, auf welchem Quadratzentimeter sich jetzt die Pflanze befindet, die ich eigentlich haben möchte, oder ob es Unkraut ist, wie die Bodenbeschaffenheit ist, wie der Bewässerungszustand ist, ob noch mal gedüngt werden muss und so weiter. Auch bei Drohnen, die über Felder fliegen oder andere Einsatzgebiete haben.

Markus Herrmann: In der Medizintechnik wird das viel eingebaut in allerlei Maschinen, zum Beispiel Therapiegeräte. Und ein großes Feld ist auch die Halbleiterindustrie, die Chipindustrie. Da hat man mit einem Tochterunternehmen einen guten Vertrag mit vielen verschiedenen Maschinenbauern. Der bekannteste davon ist wahrscheinlich Aixtron, auch ein deutsches gelistetes Unternehmen. Die wiederum bauen eben Halbleitermaschinen, chipproduzierende Maschinen für optische Sensoren, die jetzt in den Datenzentren eingesetzt werden.

Markus Herrmann: Dieser ganze Bereich hat momentan ein extremes Wachstum und über diese Schiene ist eben auch Ninomic an der Börse in diese KI-Gewinner-Schublade reingerutscht.

Markus Herrmann: Wir waren dann vor gut einem Jahr schon investiert bei Ninomic, gar nicht unbedingt aufgrund dieses KI-Booms. Wir wussten natürlich, dass sie in der Halbleiterindustrie dementsprechend auch verwurzelt sind und da Umsätze machen. Damals ist es aber in diesem Bereich noch gar nicht gut gelaufen. Der Bereich lag relativ stark am Boden, genauso wie die landwirtschaftlichen Geräte und auch die Medizintechnik.

Markus Herrmann: Das war für uns dann so ein Fall, wo wir sagen: Das ist ein gut aufgestelltes Unternehmen, ein Unternehmen, das auch in der Vergangenheit gezeigt hat, dass es stark wachsen kann und sehr auskömmliche Margen erzielt hat. Jetzt haben wir einfach eine Marktsituation gehabt, wo die drei wichtigsten Bereiche, die das Unternehmen besetzt, am Boden lagen.

Markus Herrmann: Und das ist ein gutes Beispiel dafür, wo wir sagen: Wenn Unternehmen günstig geworden sind, weil einfach externe Gegenwinde momentan kurzfristig dazu führen, dass die Zahlen nicht so reinkommen wie geplant, aber sich am Kern, an der Substanz des Unternehmens nichts geändert hat, dann steigen wir eben ein. Das war dann da der Fall. Die Aktie war dann bei acht bis neun Euro.

Markus Herrmann: Als dann entdeckt wurde, dass es eigentlich eine Perle ist, eine KI-Perle, und es operativ auch wieder vorangegangen ist, ist sie innerhalb von wenigen Monaten von neun auf über 20 Euro gestiegen. Wir haben dann verkauft. Die KI-Aktien wurden jetzt in den letzten Wochen abverkauft. Dadurch wurde auch Ninomic wieder nach unten durchgereicht und wir konnten dann eben Stücke um die 15 Euro wieder einsammeln.

Markus Herrmann: Das ist genau unsere Vorgehensweise: Wir sind einfach sehr, sehr stark auf die Bewertung fokussiert. Auf Basis der aktuellen Bewertung hat Ninomic aus unserer Sicht im nächsten Jahr ein KGV von um die 12, 13. Das ist nicht viel. Und wenn wir gut aufgestellte Unternehmen zu so einer Bewertung bekommen können, gerade nach so einem Abverkauf in der bestimmten Sparte, dann schlagen wir natürlich zu.

Markus Herrmann: Also wir sind nicht entweder KI-Gewinner oder KI-Verlierer, sondern wir nehmen opportunistisch die Situationen oder die Gelegenheiten wahr, die uns der Aktienmarkt bietet, egal in welcher Schublade.

Markus Herrmann: Dass wir momentan relativ viele Unternehmen aus der KI-Verlierer-Schublade haben, liegt einfach daran, dass diese Unternehmen vom Aktienmarkt extrem runtergeprügelt wurden. Wir bedienen uns aber natürlich auch gern bei anderen Aktien, die das gleiche Schicksal erfahren haben. Ich denke, das zeigt auch ganz deutlich, wie wir die Fonds steuern und wo dann auch die Gelegenheiten liegen.

Tom Roth: So kann man es ja runtergebrochen sagen. Jetzt vor allem finde ich bei den beiden Beispielen ganz gut, dass der Value-Aspekt gerade auch in der aktuellen Situation natürlich sehr, sehr spannend ist, oder?

Markus Herrmann: Absolut. Immer wenn es Verwerfungen gibt an den Märkten, dann entstehen natürlich diese Opportunitäten. Wenn alles gleichmäßig nach oben marschiert, dann hat man relativ wenig Unterscheidungsmerkmal als Fondsmanager. Dann kann man relativ wenig gute Käufe machen, dann freut man sich natürlich auch, wenn die Dinge nach oben laufen. Aber wenn man eben denkt: Auf drei bis fünf Jahre, welche Positionen könnten sich deutlich nach oben entwickeln? Dann fällt einem vielleicht nicht mehr so viel ein, wie wenn man reihenweise Unternehmen geschenkt bekommt, die zu einem Abschlag von 30, 50 Prozent handeln.

Markus Herrmann: Das ist dann natürlich dementsprechend interessant. Man muss es vergleichen wie der Landwirt, der dann eben die Saat austrägt und irgendwann regnet es und dann sprießt das Ganze. Aber manchmal dauern dann die Dürrephasen länger, als man gehofft hat.

Tom Roth: So, jetzt auch mit dem Wetter. Alles klar, Markus, dann vielen Dank für die Einblicke und dann bin ich mal gespannt, was so in den nächsten Wochen und Monaten noch passiert und freue mich auf den nächsten Podcast.

Markus Herrmann: Ich mich auch.