Zinswende?

Wesentliche Entwicklungen an den Finanzmärkten gehen in der Regel von den Vereinigten Staaten aus. Dessen großer, breiter und tiefer Kapitalmarkt setzt die Trends und Moden für andere wichtige Länder. Aktuell bestimmen Themen wie Inflation und Zinswende die Diskussionen in den Finanzmedien. Dabei lautet der Tenor, dass zwar die zuletzt gemeldeten amerikanischen Inflationszahlen schockierend hoch ausgefallen, insgesamt aber als vorübergehend anzusehen sind. Jedenfalls ist dies die offizielle Lesart der amerikanischen Notenbank Fed.

Die Fed hat allen Anlass, die Geldentwertungsraten klein zu reden, denn sie hat sich verbal verpflichtet, ihre Nullzinspolitik bis zum Ende des Jahres 2023 beizubehalten. Zudem ist geplant, bis zu diesem Zeitpunkt weiterhin in großem Umfang Anleihen am Markt aufzukaufen. Marktbeobachter gehen bis Dezember 2023 von einer Bilanzsumme der Fed von ca. 9 Billionen Dollar aus. Bereits heute ist die Notenbank der mit weitem Abstand größte Gläubiger Amerikas.

Sollten aber die Preise nun rascher ansteigen als erwartet wurde, dann könnte die Notenbank unter Handlungsdruck geraten, ihrerseits die Zinsen anzuheben und die Anleihekaufprogramme vorzeitig zu beenden. Erste Versuche seitens der Fed, aus den Wirtschaftsstimulationsprogrammen auszusteigen waren 2017 bzw. 2018 gescheitert, nachdem der damalige US-Präsident Trump die eigene Notenbank unter heftiges verbales Trommelfeuer genommen hatte.

Inzwischen sind zahlreiche Volkswirte der Meinung, die private Nachfrage nach Staatsanleihen sei auf dem gegenwärtigen Zinsniveau viel zu gering, um den enormen Finanzierungsbedarf Amerikas zu decken. Sie sehen den einzigen Ausweg darin, deutlich höhere Zinsen anzubieten, um Anleger - nicht zuletzt Ausländer - für US-Staatsanleihen zu begeistern. Käme es so, dann vollzöge sich nach vier Jahrzehnten eine historische Zinswende in den USA. Von besonderem Interesse wird nun die Beobachtung der Lohnentwicklung sein. Es gibt Anzeichen für einen trotz relativ geringer Arbeitsmarktpartizipation engen Arbeitsmarkt und steigende Mindestlöhne, so zuletzt bei McDonald‘s, Amazon und Walmart. Eine Lohn-Preisspirale könnte in Gang kommen und das Thema Geldentwertung zum Dauerbrenner machen.

Weil aber die Vereinigten Staaten von Amerika der Leitstern für andere Märkte sind, würde auch Europa in den Sog einer solchen Zinswende gezogen. Tatsächlich zieht auch in der `Alten Welt` die Teuerung derzeit markant an. Besonders sichtbar wurde dies zuletzt bei den Energiepreisen, wobei zu vermerken ist, dass der Staat durch seine neu eingeführte CO2-Steuer und die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer erheblich zu der Entwicklung beiträgt.  Allerdings beschränken sich die beobachtbaren Preiserhöhungen keineswegs nur auf den Energiesektor. Vielmehr lassen sich Preiserhöhungen in großer Breite diagnostizieren.

Kurzfristig sind dies für Zinsanleger keine guten Nachrichten, denn steigende Zinsen bedeuten fallende Anleihepreise. Ob langfristig ein Ausstieg aus der `Nullzinspolitik´ der Europäischen Zentralbank gelingen kann, bleibt abzuwarten. Aus dem EZB-Hochhaus in Frankfurt war hierzu zuletzt nur Beschwichtigendes zu vernehmen. Verglichen mit Anleihen machen Aktien einen wesentlich besseren Eindruck, weshalb diese dynamische Anlagekategorie einstweilen ohne Alternative bleibt. Ohnehin haben Sachwerte die Vorteile auf ihrer Seite. 


Ihre

Fondsmanager und Mitinvestoren

Dr. Christoph Bruns               Ufuk Boydak       

Chicago,                                    Frankfurt a.M. am 31.05.2021