Sorgen um den Wohlstand nehmen zu.

Seit einigen Monaten werden in den Medien Stimmen vernehmlich, die vor einer Deindustrialisierung und dem weiteren Absinken des realen Wohlstandsniveaus warnen. Jedenfalls hat der russische Überfall auf die Ukraine ein neues Nachdenken über die Stärken und Schwächen des Wirtschaftsstandortes Deutschland eingeleitet. Dabei geht es keineswegs nur um das Thema ´Energiepreise´.

Inzwischen ist es möglich, die Verteidigungspolitik der letzten Jahrzehnte kritisch zu hinterfragen. Gleiches gilt für die Migrationspolitik, die heute nicht mehr so uneingeschränkt befürwortet wird, wie das noch vor Jahren der Fall war. Auch auf dem Gebiet der Bildung – ein Thema der Landespolitik – ist man inzwischen angesichts von Leistungsvergleichen mit anderen Ländern durchaus ernüchtert. Aber damit nicht genug: Seitdem die Vereinigten Staaten eine Wirtschaftsförderungspolitik mit den besonderen Schwerpunkten Industrie und Energie ins Leben gerufen haben, schrillen in der EU die Alarmglocken. In Brüssel, Paris und Berlin befürchtet man zu Recht, dass die USA Standortvorteile zu bieten haben, mit denen die Länder der EU nicht mithalten können. Zudem ahnt man in den europäischen Hauptstädten, dass ein Subventionswettlauf mit den USA in einer Niederlage enden würde. Denn es sind keineswegs nur die steuerlichen Anreize, die eine Verlagerung von Fabriken nach Übersee möglich erscheinen lassen.  Es lässt sich nicht länger leugnen: In den Vereinigten Staaten sind die Unternehmenssteuern deutlich geringer als etwa in Deutschland. Demgegenüber liegt der materielle Lebensstandard erheblich höher (Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner ca. 70.000 $ in den USA und 59.000 $ in Deutschland) und die Verbrauchssteuern (19 % Mehrwertsteuer in Deutschland, ca. 10 % Salestax in den USA) sind signifikant niedriger als jene in Europa. Noch mehr gilt dies für die Vermögensbilanzen, die stets zugunsten Amerikas ausfallen.

Unternehmen, die das Wohl ihrer Mitarbeiter im Auge haben, werden solche Aspekte nicht völlig ignorieren können. Hinzu kommen Vorteile Nordamerikas beim Thema Energie. Erdgas und Strom kosten zwischen Los Angeles und New York deutlich weniger als zwischen Hamburg und München. Auch auf dem Gebiet der politischen Stabilität und Berechenbarkeit besitzt Amerika Vorzüge. Selten erwähnt und dennoch sehr wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Kapazitäten der Finanzmärkte. Dort dominiert Amerika die Standards und eröffnet gerade jungen innovativen Unternehmen den Zugang zu Eigenkapital. Es ist eben kein Zufall, dass die großen Unternehmen des Computer- und Internetzeitalters in Amerika entstanden sind. Man muss befürchten, dass auch auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz ähnliche Entwicklungen eintreten werden.

Nunmehr, nachdem Washington bei der Herstellung alternativer Energien Schwerpunkte setzen will, muss befürchtet werden, dass auch auf diesen Gebieten Amerikas Vorteile zum Tragen kommen. Nur darf man nicht vergessen, dass die Situation im Wesentlichen Folge einiger bedeutender Fehlentscheidungen in Deutschland und Europa ist.

Nimmt man das Gesagte zusammen, so erkennt man, wie berechtigt die Sorgen vor sinkendem realen Wohlstand in Europa sind; zumal Asien seit Jahrzehnten Marktanteile am globalen Wirtschaftskuchen gewinnt, die demographische Entwicklung unvorteilhaft ist und die Europäische Zentralbank dem realen Wohlstandsverlust durch ultra billiges Geld jahrelang Vorschub geleistet hat. Es ist daher höchst Zeit, liebgewordene Überzeugungen einer kritischen Analyse zu unterziehen, so wie es gute Unternehmen regelmäßig tun müssen. Die Bundesregierung täte gut daran, die jüngsten Unternehmensverlautbarungen zu Standortthemen von BASF, Linde, Bayer, Audi, Biontech, Siemens etc. genau zu studieren.


Ihre

Fondsmanager und Mitinvestoren

Dr. Christoph Bruns               Ufuk Boydak       

Chicago,                                    Frankfurt a.M. am 28.02.2023